Aus Trauer um Enke

12.11.2009 19:47

Rückennummer 1 wird bei Hannover nie mehr vergeben

Noch immer herrscht im deutschen Fußball tiefste Bestürzung über den Freitod von Torhüter Robert Enke: Am Donnerstag hat sein Verein Hannover 96 laut einem Bericht der "Bild" beschlossen, die Trikotnummer 1 im Gedenken an den Verstorbenen nie wieder zu vergeben. Dies war vor allem auch von den Fans gefordert worden, die am Mittwochabend zu Zehntausenden an einem spontanen Trauerzug teilnahmen.

Am Mittwochabend hatten sich sich 35.000 Fans versammelt, um nach der Andacht in der Marktkirche an einem Trauerzug zum Hannover-96-Stadion teilzunehmen. Vor der Arena lagen 18 Kondolenzbücher auf, in die die Fans unter Tränen ihre letzten Grüße schrieben. An der Andacht nahmen auch DFB-Präsident Theo Zwanziger, Bundestrainer Joachim Löw, Michael Ballack sowie 2.000 weitere Menschen teil.

Der Nationaltorhüter habe vieles verlassen, "was ihm kostbar und wertvoll gewesen" sei, sagte Bischöfin Margot Käßmann bei der Messe. "Robert Enke hat nicht gewollt, dass ihm jemand auf diesem Weg folgt - er hat das Leben geliebt und hat um das Leben gekämpft", sagte sie. Der Hannover 96 verbundene Pfarrer Heinrich Plochg würdigte das soziale Engagement des Verstorbenen. Er hielt während seiner Fürbitte Handschuhe der Torhüters in den Händen. Viele Trauernde entzündeten in der Kirche für ihn Kerzen.

Bewegende Pressekonferenz des DFB
Das DFB-Team erreichte die schreckliche Nachricht von Enkes Tod im Trainingslager zur Vorbereitung auf das Länderspiel gegen Chile, das mittlerweile abgesagt wurde. Team-Manager Oliver Bierhoff stand am Tag nach dem Unglück den Journalisten Rede und Antwort. Auf der bewegenden Pressekonferenz bewahrte er zunächst tapfer Haltung - bis er seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und hemmungslos weinte. Im schwarzen Anzug trat Bierhoff vor die Presse. Sehr persönlich fiel sein Gedenken an Enke aus, der mit 32 Jahren freiwillig aus dem Leben schied. Hier die bewegende Rede des Team-Managers:

"Auch mir fällt es schwer, hier zu reden. Bei uns herrscht Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit und auch ein bisschen Hilflosigkeit, weil wir natürlich festgestellt haben, dass wir vielleicht nie über die Oberfläche hinaus schauen konnten, wie es bei Robert Enke enger ausschaut. Immer wieder kam die Frage auf: Warum und wieso? Und konnten wir es nicht spüren?" Enke sei stets als fröhlicher Typ rübergekommen, betonte der Team-Manager: "Er war für uns in unseren Planungen ein ganz wichtiger Spieler. Weil er über das eigentliche Ergebnis hinaus für die Mannschaft immer ein wichtiger Halt war."

Bierhoff weint um Enke
Dann schaute er versteinert auf den Tisch, wischte sich eine erste Träne aus dem rechten Auge, setzte dann aber noch einmal an. "Und deswegen: So wie ich jetzt fühle, fühlen auch die Spieler." Nun brachen bei Bierhoff alle Dämme. Tränen schossen ihm in die Augen, er legte das Mikrofon zur Seite und rieb sich mit der rechten Hand die Augen. Deutlich war sichtbar, wie Bierhoff  zitterte und wie dem sonst immer so smarten und gut gelaunten Team-Manager die Gesichtszüge entglitten. Der neben ihm sitzende DFB-Präsident Theo Zwanziger griff Bierhoff kurz tröstend an den Arm. Mehr als eine Minute dauerte es, bis Bierhoff sich gefangen hatte und auf Details der Absage eingehen konnte.

Witwe gibt Einblicke in Enkes Innenleben
Kurz zuvor hatte bereits Enkes Witwe auf einer Pressekonferenz Einblicke in das Innenleben ihres verstorbenen Mannes gegeben, der sich am Dienstagabend von einem Zug überrollen ließ. "Robert war depressiv und hatte Angst. Wenn er akut depressiv war, war es schon eine sehr schwere Zeit, weil ihm dann Antrieb und Hoffnung gefehlt haben. Die Schwierigkeit bestand dann darin, das nicht in die Öffentlichkeit hinauszutragen. Ich habe versucht, für ihn da zu sein, gesagt, dass Fußball nicht alles ist. Es gibt viele schöne Dinge im Leben. Es ist nichts ausweglos. Ich wollte ihm immer helfen, das durchzustehen. Er wollte aus Angst nicht, dass es rauskommt. Es hätte für alles eine Lösung gegeben." Enke hinterließ auch einen Abschiedsbrief, in dem er sich bei seinen Freunden und Verwandten für seine Taten entschuldigte.

Seit 2003 in psychologischer Behandlung
Zu Wort kam auch der Psychologe Valentin Markser, bei dem der Fußballer seit 2003 in Behandlung stand. Der Arzt berichtete von den seelischen Problemen des 32-Jährigen, der sich aber nicht in stationäre Behandlung geben, sondern seine starken Depressionen ambulant behandeln wollte.

Von Regionalzug erfasst
Wie die Polizei bekannt gab, hatte Robert Enke sein Auto am Dienstag gegen 18 Uhr in Neustadt-Eilvese etwa zehn Meter von den Gleisen entfernt abgestellt, berichtete Stefan Wittke. Der 32-Jährige habe seine Brieftasche auf dem Beifahrersitz des nicht verschlossenen Wagens liegenlassen. Anschließend muss Enke mehrere 100 Meter an den Gleisen entlang gegangen sein, bevor er um 18.25 Uhr von dem aus Bremen in Richtung Hannover fahrenden Regionalzug RE 4427 erfasst wurde.

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