07.12.2019 17:55

„Polizei nahm uns mit“

Tischtennisspieler in Flüchtlingslager gesteckt

Die beiden Sportler Uchenna Alexandro und Eboh Kenneth Chinedu (beide Studenten der Technischen Universität von Owerry, Nigeria) erfuhren offenbar am eigenen Leib, wie es ist, ein Flüchtling zu sein. Sie wurden eigenen Angaben zufolge mit der Waffe bedroht und in ein bosnisches Auffanglager nahe der kroatischen Grenze gezwungen. Die kroatische Polizei habe sich demnach geweigert, nachträglich ihre Dokumente zu kontrollieren. Die Behörden dementieren den Vorfall ...

Wie unter anderem der britische „Guardian“ berichtet, hatten die zwei nigerianischen Tischtennisspieler an der Interuniversitären-Sport-Weltmeisterschaft in Pula teilgenommen. Sie kamen am 12. November in Zagreb an. Das Turnier dauerte sechs Tage, und die beiden sollen noch vor dem Heimflug einen Spaziergang in der Hauptstadt gemacht haben, als eine Polizeistreife sie aufgriff.

Die beiden Angehaltenen beteuerten angeblich, dass sie ihre Pässe im Hostelzimmer vergessen hätten und dass sie Teilnehmer der besagten Sportveranstaltung seien - doch es half alles nichts. Sie wurden in ein Auffanglager über die Grenze nach Bosnien gebracht.

Marsch durch den Wald
„Sie haben uns gar nicht zugehört“, beklagt einer der Tischtennisspieler in einem Interview mit dem bosnischen Portal „Zurnal“ die Kommunikation mit den zwei kroatischen Polizisten. „Sie nahmen uns auf die Polizeiwache mit, dort zwangen sie uns in einen Bus, dann fuhren wir los Richtung Bosnien.“ An der bosnischen Grenze habe der Bus angehalten. Dort hätten schon andere Polizeieinheiten und eine Gruppe von Flüchtlingen gewartet. Die beiden Sportler seien gemeinsam mit dieser Gruppe zu einem Wald gebracht worden, dessen anderes Ende schon in Bosnien sei.

„Polizist drohte, mich zu erschießen“
Dort habe ihnen die Polizei befohlen loszumarschieren und Richtung Wald zu gehen. Chinedu wollte sich weigern, habe nicht durch den Wald gehen wollen, aber „der Polizist drohte mich zu erschießen“. So seien sie in Bosnien im Auffanglager „Miral“ in Velika Kladusa angekommen. „Miral“ gilt als berüchtigt. Hier „wohnen“ unter winterlichen Verhältnissen, bei letztens -2 Grad Celsius, mehrere Tausend Menschen ohne warmes Wasser und ohne Heizung.

Bis Ende November dauerte es den Angaben der Nigerianer schließlich, bis die beiden Tischtennisspieler mithilfe bosnischer Volontäre und Turnier-Organisatoren zumindest ihre Pässe wiedererlangen konnten. Die beiden säßen aber nach wie vor in Bosnien fest, wie die „Deutsche Welle“ berichtet. Das Interuniversitäre Sportkomitee sei über den Vorfall informiert und habe laut „Zurnal“ bestätigt, dass die Studenten reguläre Visa hätten.

Polizei: „Keine Tischtennisschläger mit“
Die kroatische Polizei stellt den Hergang etwa anders dar. Man beruft sich auf frühere Fälle, bei denen Sportveranstaltungen dafür missbraucht worden seien, in Kroatien, also in der EU, Asyl zu beantragen. Man prüfe, ob das auch jetzt der Fall war. Die beiden Nigerianer sollen beim Turnier aufallend schlecht gespielt haben, außerdem hätten die Studenten gar keine Tischtennisschläger bei sich gehabt, meint die Polizei.

Anschuldigungen entschieden zurückgewiesen
„Es gab keine (dokumentierten, Anm.) Polizei-Interventionen gegenüber diesen Personen“, heißt es überdies in einer Erklärung des kroatischen Innenministeriums (MUP). „Behauptungen, dass die kroatische Polizei besonders gegen einzelne Personen wegen ihrer Hautfarbe vorgeht und sie verurteilt, sind vollkommen unzulässig und wir weisen sie entschieden zurück“, schreibt das Ministerium.

NGO: „Typischer Vorfall“
Tajana Tadić von der kroatischen Menschenrechtsorganisation „Are You Syrious“, die sich um Hilfe für Geflüchtete kümmert, beschrieb auf Anfrage von focus.de den Vorfall als typisch. Für sie sei weder die Geschichte der Studenten aus Nigeria, noch die Erklärung der kroatischen Polizei überraschend.

„Da diese Menschen keine Flüchtlinge sind, hatten wir bisher auch keinen direkten Kontakt mit ihnen. Aber ihre Beschreibung des Pushbacks (erzwungene Abschiebung über die nächste Grenze, Anm.) ist sehr konsistent und deckt sich mit Hunderten ähnlicher Zeugenaussagen, die auch öffentlich bekannt sind. Das hier ist kein Einzelfall, sondern ein besonders bizarres Beispiel für eine weit verbreitete und systematische Praxis“, so Tadic.

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