Killing Fields und Co.

Dark Tourism: Morbide Orte als neue Reise-Hotspots

Die meisten Menschen verbringen ihren wohlverdienten Urlaub entspannt auf schönen Stränden oder aktiv in coolen Städten. Doch es gibt auch Menschen die ganz andere Interessen in ihren freien Tagen haben, nämlich Dark Tourism. Diese fahren in die Sperrzone nach Tschernobyl, besuchen dem Völkmord geschuldete Massengräber mit mumifizierten Leichen in Ruanda oder schließen sich einer Reisegruppe durch Nordkorea an. Was für die meisten Menschen unverständlich ist, ist für diese Leute der perfekte Urlaub. Auch Wien hat zahlreiche Dark-Tourism-Orte zu bieten.

Etwa 50.000 Touristen besuchen pro Jahr Tschernobyl. Einen Ort, an dem sich so viele menschlichen Tragödien, so viel Leid und Tod abgespielt haben. Doch die Leute die sich dem Dark Tourism zuordenen, suchen genau diese Lokalitäten. Sie wollen das Morbide, die Apokalypse, vielleicht auch die Einsamkeit spüren. Der Begriff Dark Tourism wurde erstmals 1996 von den Autoren John Lennon und Malcolm Foley für ihr gleichnamiges Buch verwendet. Seither musste der Begriff immer weiter ausgedehnt werden. An der britischen Universität Central Lancashire gibt es sogar ein eigenes Institut für düstere Tourismusforschung.

Zu den beliebsteten Destinationen dieser Art von Touristen zählen neben Tschernobyl und Nordkorea auch Kambodscha und deren „Killing Fields“, wo vor wenigen Jahrzehnten hunderttausende Menschen durch die Roten Khmer qualvoll sterben mussten. Auch die Gedenkstätten des Völkermordes in Ruanda werden gerne besucht. In Murambi wurden die Leichen der brutalen Massaker aus ihren Massengräbern exhumiert, weiß gekalkt und auf Tische gestellt. Damit sollte den ewigen Leugnungen des Völkermordes ein Riegel vorgeschoben werden. Nun besuchen auch Dark Touristen diesen Ort, an den Menschen mit von Macheten abgehackten Gliedmaßen, tote Babys und Kinder sowie Leidende mit offenen Mündern, als würde sie noch immer um ihr Leben schreien, begutachtet werden können.

Doch wer sich für Dark Tourism interessiert, muss nicht in die Ferne schweifen. Auch in Wien gibt es zahlreiche morbide Orte, die man besuchen kann. So wird empfohlen, das Dokumentationsarchiv des Österreichsichen Widerstandes zu besuchen. Ebenfalls oben auf der Liste in Wien stehen der Friedhof der Namenlosen (City4U hat ihn einmal mit Geisterjägern besucht) oder die Kaisergruft, in der die sterblichen Überreste der großen Herrscher ruhen. Auch das Josephinum bietet morbiden Charme mit seinen einzigartigen Wachsmodellen menschlicher Körper.

Der Narrenturm, die erste speziell errichtete psychiatrische Anstalt der Welt bietet eine der ältesten und größten Sammlungen von pathologischen Proben auf der ganzen Welt. Bei einem Besuch hat man auch heute noch ein eher mulmiges Gefühl. Der Spiegelgrund am Steinhof war der Hauptstandort des Euthanasie-Programms des nationalsozialistischen Regimes. Hier fand die Zwangssterilisation von psychisch Kranken statt, auch andere „unerwünschte“ Personen im Sinne der unmenschlichen NS-Ideologie wurden hier umgebracht. Größte Bekanntheit erlangte der Spiegelgrund als Zentrum für die zahlreich getöteten und für Versuche missbrauchten Kinder.

Doch warum wollen Menschen Plätze dieser Art überhaupt besuchen? Sind sie Voyeure, wie man sie von früher kennt, wenn bei Hinrichtungen die ganze Stadt versammelt war und über die Tat laut jubelte? Laut Tourismus-Soziologe Wolfgang Aschauer wäre das zu einfach: „In der heutigen Zeit sind alle Nischen im Tourismus besetzt. VIeles wirkt inszeniert. Dark Touristen machen sich also auf die Suche nach authentischen Erlebnissen.“ Er verweist auch darauf, dass es nicht fair ist, diesen Menschn die Moral abzusprechen. Sie seien im Gegenteil jene, die sich kritisch mit der Geschichte auseinandersetzen würden. Doch nicht immer. Als 2018 in London 71 Menschen beim Brand eines Hochhauses ums Leben kamen, dauerte es nicht lang, bis die Dark Touristen kamen. Sie posteten Selfies von sich vor dem Gebäude, während Angehörige noch verzweifelt nach Überlebenden suchten.

September 2019

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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