Haus Henriette

Mehr als nur ein Dach über dem Kopf für Obdachlose

Im Jahr 2017 waren laut Statistik Austria 21.567 Personen in Österreich als wohnungslos gemeldet, 12.817 davon allein in Wien. Einrichtungen wie das Haus Henriette, welches vom Roten Kreuz betrieben wird, versuchen, diese Menschen aufzufangen und ihnen ein Dach über dem Kopf zu geben. Denn um Menschen vom Rand zurück in die Mitte der Gesellschaft zu holen, ist ein eigenes Heim die Grundvoraussetzung. City4U war „in der Henriette“ zu Besuch und hat erfahren, dass die Bewohner hier viel mehr erhalten als nur Wohnraum.

Seit neun Jahren gibt es das Haus Henriette jetzt in der Engerthstraße im 2. Bezirk. Beim City4U-Besuch in der Einrichtung wird im Cafe, welches zwei Mal pro Tag für ein paar Stunden geöffnet hat, gerade das Jubiläum gefeiert. Es gibt kostenloses Essen und Kuchen. Die moderaten Preise für Bier oder Wein, das hier im Gegensatz zu anderen Einrichtungen erlaubt ist, sind von den Klienten selbst zu bezahlen. Kella, ein Mitarbeiter aus St. Lucia, trommelt, singt und erzählt Witze. Die Stimmung ist gut, aber nicht ausgelassen. Man merkt, dass die Gäste dieser Party viel hinter sich haben. „Hier wohnen 60 Männer und unser Haus ist eigentlich immer voll. Im Moment beträgt die Wartezeit auf eine Wohnung in der Henriette etwa ein Jahr. Sobald jemand auszieht, werden die Wohnräume renoviert. Danach zieht sofort der nächste Klient ein“, erzählt Lukas Spinka, der das Haus seit einem Jahr leitet.

In der Henriette gibt es 60 Wohnungen, die zwischen 20 und 30 Quadratmeter groß sind. Diese werden möbeliert übergeben und sind mit Küche, Bad und einem Wohn-Schlaf-Raum ausgestattet. Die 322 Euro Nutzungsentgelt muss jeder Bewohner selbst entrichten. Die restlichen Kosten werden von der Stadt Wien gefördert. „Ich habe zwei Gemeindewohnungen versoffen. Seit einem Jahr trinke ich nichts mehr. In eine eigene Wohnung will ich aber trotzdem nicht mehr ziehen. Ich brauche die Betreuung hier“, sagt Josef, dessen Wohnung immer perfekt aufgeräumt und sauber ist. Auf seine „Vorzeigewohnung“ ist er stolz.  Seine Mutter war ein Messi. Bereits als Kind schwor er sich, dass es bei ihm nie so aussehen würde. Daran hat er sich gehalten, auch in seiner schlimmsten Zeit als Alkohol- und Drogensüchtiger. Seit 2014 - nach Gefängnisaufenthalten und zwei Selbstmordversuchen - lebt der 47-Jährige nun zusammen mit seinen beiden „Mädels“, wie er seine Vogelspinnen „Chefin“ und „Sissy“ nennt, in der Henriette und wünscht sich nur mehr eines: „Ein paar Jahre noch zu leben, 30 Jahre will ich schon noch packen.“

Von den 60 Wohnungen sind zwei Drittel als Dauer- und ein Drittel als Übergangsheim vorgesehen. Doch nur die wenigsten wagen und schaffen den Schritt in selbstständiges Wohnen. „Es ziehen pro Jahr nur etwa zwei Klienten in eine eigene Gemeindewohnung“, weiß Hausleiter Lukas Spinka. Einer der Gründe dafür: Etwa 80 Prozent der Bewohner haben ein Problem mit Alkohol und/oder Drogen. So auch Alois. Der 60-Jährige hat zwei Jahre auf der Donauinsel in einem Zelt verbracht, im Sommer wie im Winter. Seit 2010 lebt er in der Henriette. Durch den jahrzehntelangen Alkoholkonsum und das harte Leben auf der Straße hat er körperlich und psychisch abgebaut. Einen Wunsch wollte sich der 60-Jährige aber unbedingt noch erfüllen: „Ich wollte gerne noch einmal das Meer sehen.“ Im Sommer diesen Jahres war es schließlich so weit. Nach einigen Anträgen und der Klärung aller Finanzen fuhr Alois mit Spinka sowie der hauseigenen Krankenschwester nach Lignano. „Es war wunderschön. Ich kann gar nicht glauben, dass mein Wunsch, einmal noch das Meer zu sehen, wirklich in Erfüllung gegangen ist“, beschreibt er strahlend, bevor er unbedingt die Geschichte von der schönen Kellnerin in der Disco und die Tatsache, dass er dort an der Stange getanzt hat, loswerden will.

Die einzige „Frau“ des Hauses war lange Zeit die Katze, die bei Gottfried lebt. „First Lady“ wurde auch nach ihrem besonderen Status in der Henriette benannt. Doch mittlerweile haben die Vogelspinnen von Josef für Verstärkung an der weiblichen Front gesorgt. Bei Gottfried lebt also nicht mehr die einzige Frau des Hauses. Seit 20 Jahren schreibt der 59-Jährige das Tagebuch für den „Augustin“. Ein Schriftsteller und Denker, seine Gedanken sprudeln aus ihm heraus und hüpfen von einem zum nächsten und wieder zurück. Gottfried wohnt seit vielen Jahren hier, nachdem er nach einer Delogierung auf der Straße landete. Gottfried leidet an Depressionen, die schon in seiner Kindheit anfingen. Als jedoch seine Frau und sein Kind bei einem Autounfall starben, wurden sie schlimmer. „Ich würde ja gerne sagen, dass die Geburt von meinem Sohn der schönste Moment in meinem Leben war, aber er ist ja gestorben. Wäre er nicht geboren worden, wäre er auch nicht gestorben“, sagt er fast so, als wäre es nicht wichtig.

Harte Schicksalsschläge haben hier jeden einzelnen der 60 Männer mindestens einmal im Leben getroffen. Traurige Geschichten, verhärmte Gesichter, schlimme Schicksale - wie hält man das jeden Tag aus? „Ich kann mich da sehr gut abgrenzen und die Arbeit hinter mir lassen. Außerdem haben wir einmal pro Monat Supervision. Dort können wir über alles reden. Natürlich ist es immer sehr hart, wenn ein Bewohner stirbt. Das ist ein Thema, das uns alle täglich in unserer Arbeit begleitet“, erläutert Spinka.

„Es gibt aber auch viele gute Momente, wenn man zum Beispiel zusammen mit einem Klienten ein Problem lösen kann oder wenn man sieht, das etwas weitergeht. Ein Klient hat nach zwei Jahren eine eigene Gemeindewohnung bekommen. Er meldet sich noch immer regelmäßig bei uns und bedankt sich für unsere Unterstützung. Die Dankbarkeit ist in manchen Fällen sehr groß.“ So wie bei Alois, der dank der Henriette noch einmal das Meer sehen konnte.

September 2019

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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