Hagelabwehr-Pilotin:

„Wir fliegen nicht wie Cowboys ins Gewitter“

Hagel kann enormen Schaden anrichten - vor allem für Winzer und Landwirte. Um zu verhindern, dass mit Hagelkörnern vollgeladene Gewitterwolken eine ganze Ernte zerstören, begeben sich die Piloten der ehrenamtlich-tätigen Kremser Hagelabwehr mit ihren drei einmotorigen Cessnas in die Lüfte, um die Hagelkörner mithilfe einer Silberjodid-„Impfung“ noch in der Wolke klein zu halten. City4U durfte eine kurze Runde mitfliegen und mit den Piloten des Vereins über ihren Job sprechen.

Bereits seit 1977 steigen ehrenamtliche Piloten der Hagelabwehr Krems - eine von nur zwei in ganz Österreich - auf einem Gebiet von über 1000 Quadratkilometern in die Lüfte, um zu verhindern, dass Hagel rund um Krems und Langenlois den Boden erreicht. Mittlerweile hat der Verein zwölf Einsatzpiloten sowie weitere fünf in Ausbildung. Eine von den nur drei Frauen der Truppe ist die hauptberufliche Fluglehrerin und -prüferin Andy Zsifkovits, die 2002 Österreichs jüngste Flugschülerin war, und seit 2014 mit an Bord ist. „Durch einen glücklichen Zufall konnte ich Teil der Mannschaft werden“, erzählt die 33-jährige Mutter einer kleinen Tochter im City4U-Interview am Flugplatz in Krems.

René Eckenbauer hat bereits als Kind die Hagelabwehr beobachtet, seit 2016 ist der 35-Jährige nun als Einsatzpilot dabei: „Um etwa acht Uhr morgens erhalten wir von der ZAMG und Austro Control das erste Wetterbriefing. Wenn ein Gewitter im Anmarsch ist, erfahren wir die ungefähre Zeit, wann es niedergehen wird. Jene Piloten, die für diesen Tag eingeteilt sind, halten das Wetterradar im Auge. Wenn es Richtung Gewitter geht, heißt es: Flieger herrichten, Einsatzzentrale besetzen, Radar einschalten. Meistens startet ein Beobachtungsflieger in die Lüfte, der dem Einsatzleiter bei der Entscheidungsfindung hilft, da er einen besseren Blick auf die Wolke hat. Wenn eine Wolke hagelträchtig ist, geht es los.“ Andy Zsifkovits erläutert weiter: „Vereinfacht gesagt, schwängern wir die Luft mit Aerosolen, also Kondensationskernen, an welchen die Feuchtigkeit sich anheften kann. Somit entstehen viele kleine Hagelkörner, welche unterhalb der Nullgradgrenze schmelzen und die aus großen Hagelkörnern kleinere machen, die im Idealfall als normaler Niederschlag auf die Erde prasseln.“

Ein durchschnittlicher Einsatz dauert etwa eine Stunde und wird fast immer von zwei Piloten pro Cessna bestritten. „So kann sich einer ganz auf das Fliegen konzentrieren, während der andere die Generatoren und Fackeln bedient“, beschreibt Eckenbauer. Um die Wolke mit Silberjodid zu „impfen“, sucht man die Aufwindzone der Gewitterwolke, wo man es schließlich einbringt. „Geschulte Piloten finden im Gewitter den Aufwind. Es ist eben vieles Erfahrungssache“, sagt Eckenbauer. Wenn das Gewitter vorbei ist, landen die Flieger wieder am Flugplatz Krems. „Dann wird alles ganz genau dokumentiert. Der Flugweg, GPS, die meteorologischen Daten. wo und wie viel Silberjodid geimpft wurde“, betont Zsifkovits. Schließlich schlägt eine Einsatzstunde mit 5000 Euro zu Buche. Einen Großteil der Kosten übernehmen die Winzer und Landwirte aus der Region sowie die Gemeinden, die keinen Ernteausfall oder Schaden durch Hagel erleben möchten.

Um bei der Hagelabwehr anheuern zu dürfen, muss man ein großes Ausmaß an Erfahrung mitbringen. Zu Beginn fliegt man dann als Co-Pilot mit, lernt die Generatoren und Fackeln zu bedienen, hört, sieht, fühlt die Gewitterwolken. Anschließend muss man noch mindestens zehn Stunden in Supervision absolvieren. „Die Ausbildungsphase ist zeitlich jedoch unbegrenzt. Das kommt immer auf die jeweilige Person an. Der Einsatzleiter entscheidet letztendlich“, so Eckenbauer. Einsatzleiter der Hagelabwehr Krems ist Thomas Stoifl, der bereits seit 1998 dabei ist. „Die Mannschaft ist mittlerweile zu einem super Team zusammengewachsen. Jeder kann sich zu hundert Prozent auf den anderen verlassen. Das ist das Wichtigste.“

Die Saison der Hagelabwehr läuft von Mai bis Oktober. In der Nacht wird nicht geflogen, das wäre zu gefährlich. Generell ist die Gefahr in diesem Job aber nicht all zu groß, wie Zsifkovits betont: „Wir fliegen nicht wie Cowboys in die Gewitter. Es ist ein kalkulierbares Risiko. Wir kennen unsere eigenen Grenzen und die des Fliegers. Wir sind bis jetzt unfallfrei.“ „Es setzt ja keiner freiwillig sein Leben aufs Spiel. Man muss die Limits kennen“, ergänzt Eckenbauer. Der Spaß an der Arbeit kommt für ihn jedenfalls nicht zu kurz: „Ich liebe alles, es ist nichts mühsam, auch nicht den Flieger zu putzen oder zu betanken. Und man tut etwas Gutes, Sinnvolles. Der Zweck ist gut.“

Das sehen jedoch nicht alle so. Auch in der direkten Umgebung hat die Hagelabwehr Gegner. „Das ist schon sehr mühsam. Manche glauben, dass wir das Wetter beeinflussen können oder nicht nur den Hagel, sondern auch den normalen Niederschlag vertreiben. Das stimmt natürlich nicht“, erklärt Zsifkovits. Wieder andere, wie zum Beispiel der deutsche TV-Wettermann Jörg Kachelmann, glauben wiederum nicht, dass eine Silberjodid-„Impfung“ den Hagel abwehren kann. Er stellt das komplette System in Abrede. Doch das widerlegen langjährige Studien, unter anderem auch eine der ZAMG. Immerhin verzeichnet die Hagelabwehr laut eigenen Angaben eine Erfolgsquote von 70 Prozent.

Juni 2019

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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