26.05.2019 15:00

Niederndorf

Das andere Wahlrecht: Gemeinde kürt Pfarrer

Die Bürger der Europäischen Union wählen ein neues Parlament. Die Österreicher bald einen neuen Nationalrat. Aber Niederndorf hat ein Wahlrecht, das über das Profane hinausgeht.

Spurensuche im Tiroler Unterland, Kirchgasse 3, Niederndorf. Die Adresse des schmucken Pfarrhauses, das sich wohl so mancher als Domizil vorstellen könnte. Erhaben liegt es da, mit Blick auf den Kirchturm und auf das neue Gemeindezentrum, Richtung Bürgermeister. Und der hat zum Pfarrer eine besondere Beziehung. Er hat ihn schließlich gewählt. „Unseres Wissens nach sind wir gemeinsam mit Niederndorferberg und Rettenschöss die einzige Gemeinde in Österreich, die das Präsentationsrecht in dieser ausgeprägten Form noch besitzt“, sagt BM Christian Ritzer nicht ohne Stolz.

Ja, das Präsentationsrecht in Niederndorf ist einzigartig. Was es bedeutet, darüber weiß Ortschronist Otto Hauser in allen Details Bescheid. Er zeigt auf die 14 Unterschriften, die 1994 unter die „Feierliche Vereinbarung“ gesetzt wurden. „Alle 50 Jahre erneuern die Erzdiözese Salzburg und die drei Gemeinden die Präambel“, erläutert Hauser und erklärt dann, was es damit auf sich hat. Die Vereinbarung gesteht Niederndorf und seinen zwei Nachbargemeinden das Recht zu, den Pfarrer selbst zu wählen. Hauser: „Die Erzdiözese legt einen Zweier-Vorschlag vor. Die Wahl erfolgt dann in einer gemeinsamen Gemeinderatssitzung.“

Letzte Wahl fand nach der Messe im Gasthaus statt
Im Gasthaus – nach der Sonntagsmesse – fand die bislang letzte Wahl statt. „100 Prozent der Stimmen entfielen auf Thomas Schwarzenberger“, wirft der Bürgermeister ein. Der Auserwählte steht daneben und schmunzelt: „Bei so einem Votum fühlt man sich 100 Prozent willkommen.“

Seit 2013 ist der gebürtige Salzburger Schwarzenberger Seelsorger im Tiroler Unterland. Und die Niederndorfer haben ihre Wahl nie bereut. Als „besonders lebendig“ beschreibt der Pfarrer das kirchliche Leben im Ort. Ob das mit dem einzigartigen Wahlrecht zu tun hat? Vielleicht? Wahrscheinlich! Fest steht: Die Niederndorfer wollen es nicht mehr hergeben. „Früher durften viele Gemeinden ihren Pfarrer wählen. Als Gegenleistung sorgten sie für den Lebensunterhalt der Geistlichen“, beschreibt Hauser den Kern dieses Abkommens. Auch Niederndorf hat Verpflichtungen. Der schmucke Pfarrhof – mit Geld aus der Gemeindekasse ermöglicht – ist sichtbares Zeichen dafür.

Nach dem Krieg blieb nur Niederndorf übrig
Nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte die Kirche das Präsentationsrecht der Gemeinden ab. Die Niederndorfer kämpften dafür. Damals konnten sie einen Vorteil daraus noch nicht abschätzen. Heute – in Zeiten des Priestermangels – schon. Der Sitz des Pfarrers bleibt im Ort, wie groß der Pfarrverband in Zukunft auch wird – das ist festgeschrieben.

Auch Pfarrer Schwarzenberger betreut mittlerweile nicht mehr nur Niederndorf. Erl gehört ebenso zu seinem Gebiet. Und so ergab es sich, dass der Seelsorger mit den Passionsspielen in Kontakt kam. Ab Sonntag (26.) steht er dort auf der Bühne. Als Pharisäer! Auch eine originelle Wahl. „Die hab nicht ich getroffen, sondern die Spielleitung“, weist der Pfarrer alle Schuld von sich. Doch er muss dann selbst lachen: „Witzig ist es schon.“ Es ist offenbar Schwarzenbergers Bestimmung, gewählt zu werden.

Claudia Thurner
Claudia Thurner

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