Bombenentschärfer

„Angst habe ich nie, aber manchmal bin ich feig“

Nur 21 Entschärfer gibt es in ganz Österreich. Einer von ihnen ist Kontrollinspektor Franz Scharler, der seit 1995 dafür sorgt, dass keine Bomben explodieren.  Beim Besuch von City4U in der Rossauer Kaserne, dem Wiener Stützpunkt der Entschärfer, erzählt Scharler von seinem nicht alltäglichen Beruf und wovor er am meisten Angst hat: „Die wichtigste Prämisse in unserem Job ist, dass man weiß, wann man aufhört. Zu wissen, wo die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten enden.“

Zum Zeitpunkt des City4U-Besuchs am Stützpunkt der Entschärfer in der Rossauer Kaserne wird das Büro der Polizisten gerade renoviert. Angenehme Räumlichkeiten sind wichtig, immerhin verbringt ein Team stets eine Woche Tag und Nacht dort. „Tagsüber müssen wir innerhalb von 15 Minuten bereit zum Ausfahren sein, in der Nacht nach 30 Minuten“, erklärt Franz Scharler. Der 59-Jährige könnte eigentlich nächstes Jahr in wohlverdiente Pension gehen, denkt aber nicht daran: „Bei uns geht niemand mit 60 Jahren. Alle bleiben so lange wie möglich.“ Für andere Menschen ist das wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen, dass man freiwillig weitere Jahre in einem Beruf verbleiben möchte, bei dem man - jederzeit und durch kleinste Fehler - sterben kann.

#Entschärfen dürfen nur wir
Um Entschärfer zu werden, muss man vorher Polizist sein. Anschließend kann man sich freiwillig melden, wenn man ein SKO (sachkundiges Organ) werden möchte. Die Ausbildung dazu dauert zwölf Wochen. Danach kehrt man zurück auf die Dienststelle und rückt nur im Anlassfall als SKO aus. „Wenn also ein Anruf bezüglich einer Bombe kommt, ist der SKO zuerst vor Ort, beurteilt die Lage, sperrt alles ab.“ Das sachkundige Organ darf aber nicht selbst direkt entschärfen. Das machen nur wir“, betont der Wiener. Von 3000 Einsätzen im Jahr 2017 entfielen 88 Prozent auf SKOs und 12 Prozent auf den Entschärfungsdienst. Nach mehreren Jahren als SKO sowie in einer Führungsposition kann man sich schließlich als Entschärfer bewerben und nach etwa zweieinhalb Jahren die Prüfung dazu ablegen. “Ich bin seit 1995 im Entschärfungsdienst. 1988 habe ich als SKO begonnen. Trotz der langen Zeit kann ich mit absoluter Gewissheit sagen, dass ich erst 20 Prozent der Materie gesehen habe und bewältigen kann", beschreibt Scharler. 

#Mehr Fälle in den letzten Jahren
Etwa 370 Einsätze entfallen pro Jahr auf die Entschärfer in ganz Österreich. Seit 2013 gab es jedoch eine hohe Steigerung. „Durch die terroristischen Anschläge in ganz Europa hat sich auch bei uns die Zahl der Anrufer erhöht. Die Bürger sind durch die Vorfälle sensibilisierter, beobachten mehr und werden eher misstrauisch“, weiß Scharler. Ein Großteil der Vorrichtungen, zu denen sie gerufen werden, entpuppen sich jedoch als Attrappen: „Manche sind aber so gut gebaut, dass man erst bei der chemischen Analyse sicher weiß, dass es kein Sprengkörper ist.“ Vorsicht ist jedoch trotzdem immer geboten: „WIr neigen nicht zur Selbstüberschätzung, weil das kann gefährlich werden.“

#Die brutale Technik
Eine Hilfestellung bietet auch die Technik. „Vor allem in den letzten zehn Jahren hat sich die Technik brutal schnell verändert. Manches ist jedoch sehr kompliziert und die Einschulungen brauchen viel Zeit“, beschreibt der 59-Jährige. Mehr als auf Roboter vertraut Scharler jedoch auf seine Kollegen: „Ich kann mir meinen Bombenanzug nicht selber anziehen und ihn auch nicht selbst zumachen. Das macht mein Partner, dem ich zu hundert Prozent mein Leben anvertraue.“ Die Teams rücken immer zu zweit aus, eine Nummer 1 und eine Nummer 2. Ersterer ist der eigentliche Entschärfer, letzterer Fahrer und Support. Wer 1 und 2 ist, ist immer verschieden. „Wenn ich dann meinen 40 Kilo schweren Bombenanzug trage, lasse ich mich von niemanden beeinflussen - außer von meinem Kollegen - da bin ich voll im Handlunsgbewusstsein. In dem Moment, in dem man die Entscheidung trifft, welchen Draht man durchzwickt, muss man vollkommen mit sich im Reinen sein.“

#Angst, Respekt und Feigheit
Angst in seinem Beruf hat Scharler, der als Entschärfer bereits im Irak und im Kosovo war, nicht: „Ich habe Angst, dass ich mir beim Skifahren ein Bein breche, aber nicht im Dienst. Der Maurer hat auch keine Angst, wenn er auf das Gerüst steigt. Das ist nun mal mein Job. Ich verstehe das auch mit dem Respekt vor einer Tätigkeit nicht. Also ich habe keinen Respekt vor einer Bombe oder gar dem Bombenbauer. Wichtig ist eher, dass man in gewissen Situationen vielleicht lieber feig sein sollte.“ Eines ist dem Kontrollinspektor aber klar: „Wir haben sicher zumindest ein gestörtes Fluchtverhalten, weil jeder Mensch würde so schnell er kann von einer Bombe wegrennen. Wir laufen hin.“

Viktoria Graf
Viktoria Graf
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