Neues Album „Palms“

14.09.2018 07:00

Thrice suchen nach dem Guten auf dieser Welt

20 Jahre nach ihrer Bandgründung sind die US-Amerikaner von Thrice wieder fest im Sattel des Musikbusiness. Nach einer längeren Pause und einem gelungenen Comeback ist das neue Werk „Palms“ die Bestätigung für die wiedergefundene Stärke des Quartetts. Sänger Dustin Kensrue erklärte uns, warum das Album streckenweise so emotional ausfiel und wie man sich erfolgreich durch eine kritische Phase manövrieren konnte.

Als Frontmann Dustin Kensrue und Gitarrist Teppei Teranishi Thrice vor exakt 20 Jahren ins Leben riefen, gingen sie noch zur High School. Verstärkt mit den Breckenridge-Brüdern Eddie (Bass) und Riley (Schlagzeug) nahmen sie innerhalb von nur zwei Tagen die EP „First Impressions“ auf, orientierten sich musikalisch am in Kalifornien populär-leichtfüßigen Skatepunk, hatten die Konzentration aber schon mehr auf die alltäglichen Probleme des Lebens, denn auf Bier, Bong und Party gerichtet. Diese besondere Form von markerschütternder Melancholie durchzieht fortan die Studioalben der Amerikaner, die sich ab „The Artist In The Ambulance“ (2003) beständig in den US-Charts festsetzen und mit denen sie zu großen Helden und Wegbereitern des sogenannten Post-Hardcore werden. Die dynamischen Rhythmuswechsel und durchdringenden, intensiven Vokaldarbietungen verstärken die Leidenskraft der einzelnen Lieder. Thrice machen Musik für die Übriggebliebenen, deren kalifornisches Sonnenleben nicht aus Venice Beach und Beverly Hills besteht.

Retrospektive
„20 Jahre sind schon eine gewaltige Zeit“, resümiert Frontmann Kensrue im Gespräch mit der „Krone“, „ich kann mich sogar noch an einen speziellen CD-Laden bei uns zuhause erinnern, wo du die Möglichkeit hattest, Alben zu hören, bevor es sie überhaupt zu kaufen gab. Das war der absolute Wahnsinn und ich habe mir damals Punkbands wie etwa NOFX reingezogen und war ganz stolz darauf, dass ich sie so früh hören durfte.“ Anno 2018 wirkt eine derartige Retrospektive wie ein Sprung ins vorsintflutliche Mittelalter und erinnert einerseits daran, wie schnell die Zeit vergeht und andererseits, wie lange Thrice mittlerweile über die globalen Konzertbühnen wüten. Mit der Post-Hardcore-Schublade ist Kensrue nach zwei Dekaden Bandgeschichte nicht mehr ganz so glücklich. „Es ist schwierig, weil wir auch selbst nicht wissen, wie wir unseren Sound beschreiben sollen. Ich weiß noch, wie 2000 bei unserem Debüt ,Identitiy Crisis‘ alle von der ,nächsten Generation des Melodic Hardcore‘ geredet haben. Die Leute brauchen Nischen und Schubladen, damit müssen wir leben.“

Risse bekam das souveräne Bandgefüge, das sich personell übrigens niemals verändert hat, nur 2011. Diverse Todesfälle, Krankheiten und private Schicksalsschläge stellten die Band auf eine harte Probe. Kensrue befand es zudem an der Zeit, sich mehr Zeit für seine drei Töchter zu nehmen und die in Szenekreisen zum Heiligtum erklärte Combo verlor den Kampf gegen den Alltag - zum Glück nur temporär. Vier Jahre nach der nötigen Distanzierung fanden sich die Bandmitglieder wieder neu motiviert zusammen, um ihrem gemeinsamen Freundschaftsprojekt weitere Karrierekapitel angedeihen zu lassen. „Ich weiß nicht ob die Auszeit notwendig war, aber sie war definitiv wichtig“, denkt Kensrue zurück, „wir waren alle ziemlich ausgebrannt und hatten eine harte Zeit. Heute geht es mir definitiv besser.“ Nicht nur für ihre Fans, auch für die Bandmitglieder selbst ist die intensive, stets über bloße Floskeln hinausgehende Musik von Thrice durchaus therapeutisch. „Ich tendiere dazu, Probleme ewig mit mir rumzuschleppen und sie in mich hineinzufressen. Insofern ist das Rauslassen ebenjener Probleme durch Musik ein mehr als reinigender Prozess für mich.“

Gegen Hass und Bigotterie
Das dieser Tage erscheinende „Palms“ ist nun das zweite Album nach der Wiedergeburt der Band und befindet sich einmal mehr auf einem schmalen Grat zwischen gesellschaftlicher Wertung und persönlicher Reflektion. „Unser letztes Album war doch eher direkt an bestimmte Themengebiete angelehnt, wohingegen ,Palms‘ sich eindeutiger auf die Ereignisse konzentriert, die sich derzeit auf der Welt abspielen“, umreißt der Sänger das Konzept in wenigen Worten. Bassist Breckenridge ergänzt: „Wir haben bewusst versucht, deutlicher und klarer auf den Punkt zu kommen, Positionen zu beziehen und nicht das Problem anzusprechen, sondern nach Lösungen zu suchen.“ Im Fall von Thrice heißt das aber natürlich trotzdem, dass die globale Betrachtungsweise aus einer persönlichen Erfahrung stammt. So bezieht sich „Palms“ (zu Deutsch: Handflächen) auf einen Traum von Kensrue, der die weitere Überlegung motivierte, wie diese metaphorische Offenheit gegenüber einer geschlossenen Faust auf die Gesellschaft wirkt. „Im Endeffekt ist das Album ein Statement gegen all den Hass und die Bigotterie, die wir derzeit rundum erleben. Der Gedanke des Offenen war die Basis für das ganze Album.“

Altgediente Thrice-Fans werden gewiss eine Zeit brauchen, um sich in der neuen Klangwelt der Kalifornier zurechtzufinden. Die harschen Ausritte wurden stark zurückgedreht, nach vorne preschende Songs wie das galoppierende „A Branch In The River“ haben Seltenheitswert, Pianoballaden und zurückgelehnte Momente rücken in den Vordergrund. Von einem „Pop-Album“ zu sprechen, käme zu weit, angesichts der bisherigen Thrice-Diskografie erweist sich die Band aber phasenweise zugänglicher als je zuvor. Inspiriert wurden die gesellschaftskritischen Texte von diversen Philosophen, Mönchen und Mathematikern. Ein gewohnt buntes, gut reflektiertes Konglomerat aus Wissensströmen unterschiedlichster Richtungen. Programmatisch für das Werk ist etwa der Opener „Only Us“, in dem sich Kensrue darüber Gedanken macht, warum wir uns mit „wir“ und „die“ im zwischenmenschlichen Bereich das Leben schwermachen.

Diskussionsgrundlage
Die manchmal intensiven, manchmal sanften Soundbögen koalieren dabei geschickt mit den kompromisslos persönlichen und verletzlichen Texten. Kensrue lässt weder sich, noch das Publikum auf einer ruhigen Welle dahinplätschern, sondern sucht stets die Konfrontation. „Auch wenn manche Songs sehr aggressiv klingen war es mir stets wichtig, dass ich nicht direkt mit dem Finger auf die Themen zeige. Speziell jetzt, in einer Zeit, wo sowieso jeder zu jedem und allem eine Meinung hat.“ Auch wenn „Palms“ seine bedrückenden, fast verzweifelten Momente gerne nach vorne stellt, am Ende geht es Kensrue und seiner Band darum, Hoffnung und positive Gedanken auszustrahlen. „Ich bin überzeugt davon, dass sich viele Dinge durch Taten im Kleinen verändern lassen und wir uns alle verbessern können. Das Album sollte dazu bestenfalls als Diskussionsgrundlage dafür dienen, dass die Menschen die Welt am Ende aus einem optimistischeren Blickwinkel sehen.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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