PS-Fetischisten in NY

12.05.2018 14:24

Der Club der reichen Raser - 180 Dollar Beitrag

Ja, auch in Manhattan gibt es Autofans. Nur leistet sich dort kaum jemand einen eigenen Traumwagen. Stattdessen treffen sich die Petrolheads bei Michael Prichinello. Denn er hat zusammen mit zwei Kumpels den Classic Car Club aus der Taufe gehoben und öffnet den Mitgliedern für 180 Dollar im Monat die Türen in den PS-Himmel.

Noch vor zwei Jahren standen hier die Pferde der New Yorker Polizei. Doch seitdem hat sich die PS-Zahl in der großen Zeltkonstruktion neben dem Pier 76 am Hudson River vervielfacht. Denn nachdem die berittene Brigade abgerückt ist, hat hier der Classic Car Club von Manhattan Quartier bezogen - und mit ihm die rund 40 Autos mit zusammen 20.000 PS, die zum gemeinsamen Fuhrpark der Mitglieder zählen.

Zwar verspricht der Name eine Flotte von Oldtimern, doch auf diese Fährte sollte man sich nicht führen lassen. „Wir haben alles, was Spaß macht“, sagt Prichinello, der die Idee zusammen mit zwei mittlerweile zu Freunden gereiften Zufallsbekanntschaften aus London vor gut zehn Jahren in die USA exportiert hat. Das älteste Auto ist ein 55er-Porsche Spider, dann kommen viele Muscle Cars aus den 50er- und 60er-Jahren, in den letzten Monaten hat Prichinello viele Youngtimer aus den Achtzigern und Neunzigern angeschafft und natürlich hat der Classic Car Club auch alles im Fuhrpark, was heute so an Supersportwagen aus Italien, England und Baden-Württemberg kommt: „Gerade erst habe wir einen V8 Vantage von Aston Martin bestellt und bekommen bald unseren Porsche GT3 RS“, sagt Prichinello und rühmt die guten Kontakte zu Luxushändlern auf der ganzen Welt, die sein Team in den letzten Jahren aufgebaut hat. "Wir bekommen die Autos meist schneller als private Kunden. Schon das ist für viele Grund genug, bei uns Mitglied zu werden.

  • Noch vor zwei Jahren standen hier die Pferde der New Yorker Polizei.
    Noch vor zwei Jahren standen hier die Pferde der New Yorker Polizei.

"Außergewöhnliche Erlebnisse mit außergewöhnlichen Autos“
Prichinello hat auch ein paar eher überraschende Fahrzeuge im Angebot. Etwa den Westfalia-Camper auf Basis des VW T3, den er gerade ein paar deutschen Aussteigern in Südamerika abgekauft und in die Flotte aufgenommen hat. Und weil er dazu gleich auch noch ein Permit für den Strand der Hamptons bieten kann, ist der Wohnwagen aus Wolfsburg schon jetzt für die meiste Zeit des Sommers ausgebucht.

Natürlich gibt es auch in Manhattan viele Petrolheads, die ein außergewöhnliches Auto zu schätzen wissen. Doch die Schlaglöcher sind zu tief und die Garagen zu schmucklos, als dass sich hier viele Auto-Afficionados einen eigenen Traumwagen leisten, hat Prichinello beobachtet und diese Marktlücke mit seinem Club geschlossen. Für 180 Dollar im Monat gibt es nicht nur jede Menge Benzingespräche, Reisen zu Rennstrecken, Fahrertrainings, Mechaniker-Kurse und organisierte Ausfahrten. Vor allem können die Mitglieder dann Punkte kaufen und gegen Fahrtage mit den Autos des Clubs eintauschen, die von vier Mechanikern in Schuss gehalten werden. Die haben übrigens gut zu tun, muss Prichinello einräumen. Weniger, weil die Mitglieder einen zu heißem Reifen fahren oder es überdurchschnittliche viele Unfälle gibt. „Sondern einfach, weil hier die Straßen so schlecht sind: Felgen, Fahrwerk, Reifen - das wird in New York arg strapaziert.“

Warteliste und Aufnahmeprüfung
Weil Prichinello den persönlichen Kontakt und den individuellen Service liebt, hat er mit seinen beiden Partnern die Anzahl der Mitglieder auf 550 limitiert und kämpft mit entsprechend langen Wartelisten. Aber selbst dieser vergleichsweise kleine Zirkel ist eine illustre Gemeinschaft, die vielschichtiger kaum sein könnte, sagt der Club-Manager. Dazu zählen Banker und Broker genauso wie Kreative und Ärzte, Journalisten und Juristen, Unternehmer und Unterhalter. Es sind 80 Prozent Männer und immerhin 20 Prozent Frauen, die Mitglieder decken das gesamte Altersspektrum ab und selbst Ausländer mit regelmäßigen New York-Aufenthalten stehen in der Mitglieder-Kartei. „Was sie eint, ist die Liebe zu exotischen Autos und exklusiven Erlebnissen. Und dass sie am Wochenende nicht wie alle anderen New Yorker von einem Brunch zum nächsten ziehen wollen.“

Mit Benzin im Blut und entsprechend viel Geld auf dem Konto ist es allerdings nicht getan. Wie in jedem guten Verein gibt es auch im Classic Car Club of Manhattan eine Aufnahmeprüfung. „Wir schauen uns die Leute genau an. Wir wollen wissen, wie sie fahren und mit den Autos umgehen. Und wir wollen, dass sie die Fahrzeuge auch beherrschen“, sagt Prichinello und muss den von ihren Automatikgetrieben verwöhnten Amerikanern zum Beispiel oft erst beibringen, wie man mit einer Handschaltung umzugehen hat.

Wer das erst einmal beherrscht, der lernt auch schnell, wie man schnell fahren kann. Sehr schnell sogar. Denn regelmäßige Trainings auf örtlichen Rennstrecken gehören genauso zum Programm des Clubs wie die Reisen auf die berühmten Kurse in Europa: Spa, Le Castellet und natürlich die Nordschleife des Nürburgrings - wer Mitglied im Classic Car Club of Manhattan ist, der kommt rum in der Welt und macht Sightseeing mit dem Bleifuß.

12.000 Dollar pro Jahr für s Fahrerlebnis
Den Spaß mit den Autos lassen sich die Mitglieder einiges kosten. Denn der Monatsbeitrag von 180 Dollar ist nur die Berechtigung zum Kauf der Punkte, die man dann - gestaffelt nach der Attraktivität der Autos und der Termine - in Fahrtage einlösen kann, erläutert Prichinello und wird zum Buchhalter der Benzinfraktion: „Im Schnitt geben unsere Mitglieder dafür 12.000 Dollar im Jahr aus und sitzen dafür 35 Tage am Steuer.“

Prichinello selbst hat sich von der Versuchung losgesagt. Natürlich fährt er all die Autos zwischendurch mal, er muss ja schließlich wissen, was er seinen Kunden da zu bieten hat. Aber die meiste Zeit sitzt er am Steuer eines Wagens, der in Amerika etwa so speziell ist wie bei uns ein silberner VW Golf. Denn sein Daily Driver ist ein Chevrolet Silverado. Schließlich lassen sich Motorräder mit einem Ford GT oder einem Porsche Cayman GTS nur schwerlich von Rennen zu Rennen fahren und wenn er sich morgens um sechs mit andern Clubmitgliedern zum Fahrradtraining im Central Park trifft, dann ist er dankbar, dass er sein Rennrad einfach hinten auf die Pritsche schmeißen kann.

Der Benzinbruder will einen Tesla
Bis dahin kann man seiner Erklärung ja vielleicht noch folgen. Aber dass ausgerechnet der Mann, der Manhattan mit den schnellsten, stärksten und schönsten Traumwagen versorgt, sogar mit den acht Zylindern seines Pritschenwagens hadert und auf den elektrischen Pick-Up von Tesla hofft, muss man nicht verstehen. Zumindest nicht, bis Prichinello die Begründung nachliefert. Denn der Club-Gründer ist kein Öko, sondern einer, der seine Sportwagen über alles liebt. Und deshalb lieber im Alltag elektrisch fahren würde, damit er bisweilen zum Spaß auch mal ein bisschen mehr Sprit verbrennen kann.

(SPX)

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