"Krone"-Interview

06.12.2017 17:00

Chrysta Bell: Femme Fatale des Mystischen

Kultregisseur David Lynch bezeichnete sie bittersüß als "das schönste Alien aller Zeiten", besetzte sie in der Rolle von Agent Tammy Preston in seiner "Twin Peaks"-Neuauflage und lässt sich seit knapp 20 Jahren von ihr als Muse inspirieren, doch das Herz der texanischen Diva Chrysta Bell ist in der Musik verankert. Auf ihrem letzten Album "We Dissolve" hat sie sich von ihrem Mentor gelöst und selbst ein charmantes Gebräu aus Soul, Jazz, Chanson und Noir-Anlehen kreiert. Im Zuge ihres umjubelten Auftritts beim "Blue Bird Festival" im Wiener Porgy & Bess stand uns die 39-Jährige Rede und Antwort - und outete sich sogar als Österreicherin.

"Krone": Chrysta, im Zuge des "Blue Bird Festivals" warst du Ende November das allererste Mal in Österreich zu Gast. Blieb dir auch Zeit, um die Stadt ein wenig zu erkunden?
Chrysta Bell: Dieses Mal nicht, aber ich hoffe, dass ich bald wiederkommen kann, um diese wunderbare Stadt zu erkunden. Jetzt muss ich mir hier erst einmal einen Namen machen und dann werden wir weitersehen. (lacht)

Stimmt es eigentlich, dass du direkte österreichische Wurzeln hast?
Ich bin Österreicherin von der Familie meines Vaters her. Mein Nachname ist Zucht, aber als Künstlerin habe ich mich seit meinem 18. Geburtstag darauf beschränkt, meinen Vornamen Chrysta Bell zu verwenden. Ich komme aus Texas und da haben alle Probleme, den Namen fehlerfrei auszusprechen. Kurz überlegte ich, ihn wieder zu verwenden, aber jetzt kennt man mich schon anders und ich lasse das bleiben. Ich glaube, dass mein Urgroßvater und meine Urgroßmutter in Österreich geboren wurden, müsste dazu aber noch genauere Ahnenforschung betreiben. Sie trafen sich in New York und kamen drauf, dass sie nur 20 Meilen voneinander entfernt lebten. In Zeiten ohne Uber war das eine ordentliche Distanz, die nicht leicht zu bewältigen war. (lacht) Ich spiele jetzt seit etwa sechs Jahren in West- und Mitteleuropa und mir fehlte nur mehr Österreich. Endlich konnte ich diesen Punkt auch abhaken. (lacht)

Als jemand, der sich zeitloser Musik wie Jazz und Soul verschrieben hat, könnte man vermuten, dass auch österreichische Klassik interessant für dich wäre. Ist dem so?
Wenn ich im Auto fahre höre ich oft Klassik, aber wenn es darum geht zu wissen, welcher Komponist aus welchem Land kommt oder welcher Komponist welches Stück geschrieben hat, bin ich leider die falsche. Ich liebe Klassik und höre sie gerne, aber ich kann sie nicht kategorisieren, dafür fehlt mir das Wissen. Ich lerne aber gerne und schnell und bin offen für Vorschläge. Du kannst mir außerhalb von Mozart auch gerne noch andere Österreicher nennen. (lacht) Ich habe zudem von meiner Familie und meinen Vorfahren schon gelernt, dass ihr euren eigenen Musikern gegenüber etwas elitär eingestellt sein - aber der Stolz auf ihr Werk ist berechtigt. (lacht)

Als du in San Antonio, Texas aufgewachsen bist, hast du schon sehr früh zu singen begonnen. War es schon von klein auf deine Intention, in diese Richtung auszupendeln?
Ich hatte kurz die Idee, Kinderbuchautorin zu werden, aber die Musik hat mich schon immer fasziniert. Es war weniger eine bewusste Entscheidung, ich war einfach immer von ihr umgeben und sie machte mich stets glücklich. Meine Eltern haben Kunst immer zelebriert und gewürdigt und so kam ich früh damit in Berührung. Für eine Sekunde wollte ich auch Schauspielerin werden, weil ich einmal in einem Kung-Fu-Film mit Jet Li mitspielte, der in China großen Erfolg hatte. Es war eine seltsame Erfahrung, aber damit konnte ich mir meinen Umzug nach Austin finanzieren und ich kam zu einer Jazz-Swing-Band namens 8 ½ Souvenirs.

8 ½ Souvenirs standen immer für zeitlose Musik, die keinen Trends nachlief. Junge Menschen werden meist eher schnell von charttauglicher Pop-Musik geblendet, du allerdings warst schon immer stark im Jazz und gediegeneren Sounds verwurzelt.
Die Band gab es schon viele Jahre, bevor ich ein Teil davon wurde. Ich hatte dort eine Audition und wusste nicht genau, was sie eigentlich machen. Ich war in dieser Bar, um einen Job als Kellnerin zu ergattern und ich sah ein Piano. Ich sagte also, dass ich eigentlich singe und fragte, ob ich dort mit einem Klavierspieler eine Kostprobe geben könnte. Die Chefin erzählte mir dann, dass ihr Ehemann in einer Band spielte und diese Band gerade ihre Sängerin verlor. So habe ich das also in die Hand genommen und bekam den Job. Die Band war sehr populär und ich anfangs sehr nervös. Ich bin keine klassische Jazz-Sängerin, hatte aber schon Erfahrungen durch Musicals und auch meine eigene kleine Rock-'n'-Roll-Band. Bei den 8 ½ Souvenirs haben wir Django-Reinhardt-Gitarren verwendet und waren inspiriert von Fellini- und Gainsbourg-Filmen. Ich bekam in diesen vier Jahren in der Band die wundervollste und beste musikalische Erziehung, die man sich vorstellen kann. Wir tourten das Land auf und ab, die Musiker waren allesamt fantastisch und unglaublich talentiert. Ich hätte damals auch auf die Uni gehen können, entschied mich aber für die Band.

Diesen Sommer hast du mit "We Dissolve" ein wunderbares, sehr vom Jazz beeinflusstes Album veröffentlicht, das ein bestimmtes 50s-Film-Noir-Gefühl heraufbeschwört. War es dir wichtig, diese Art von Atmosphäre zu evozieren?
Auf jeden Fall, denn genau diese Art von Musik lässt auch mein Feuer brennen. Ich kann nur die Musik machen, in der ich mich selbst verlieren kann. Nur so ist man als Musikerin authentisch. Diese Atmosphäre verbildlicht sehr viel Interessantes und gibt einen wundervollen Einblick in meine Gedankenwelt. Als ich das erste Mal mit Produzent John Parish sprach, wollten wir etwas Internationales machen, das einerseits sehr dramatisch und dunkel, andererseits aber auch sinnlich und eindringlich klingen sollte. Eine Klanglandschaft, die viele Fantasien heraufbeschwört und das ist John wunderbar gelungen. Durch Johns Filter nahm jeder einzelne Song seine Form an und im Endeffekt funktionierte alles sehr organisch und einfach. Die einzigen Effekte waren Gitarrenpedale, die meine Stimme in manchen Songs verstärken. Diese Atmosphäre hat die Songs erst richtig in diese Noir-Richtung gebracht.

Die Songs umweht eine gewisse Zeitlosigkeit. Man spürt beim Hören, dass ihr nicht unbedingt den gängigen Zeitgeist treffen wolltet, sondern einfach euren Intentionen gefolgt seid.
Ich will in meinem ganzen Sein Zeitlosigkeit darstellen. Die Zeit an sich ist ohnehin etwas sehr Seltsames für mich. Man hat immer zu wenig für die wichtigen Sachen im Leben und sie limitiert Kreativität. Ich wollte etwas Klassisches erschaffen, dass über eine reine Musikauffassung hinausstrahlt. Vielleicht mache ich auch eine Form von Klassik, denn Klassik heißt auch etwas zu machen, das immer funktionierte. Ich mag die Reinheit von Musik, ohne dabei aber auf die technischen Hilfsmittel der Gegenwart zu verzichten. Ein guter Song besteht aus einer schönen Melodie oder einem markanten Riff. Man sollte dieses Rezept nicht zu sehr verkochen, denn die Basis ist das Wichtigste.

Du hast auch zahlreiche interessante Gäste auf dem Album versammelt. Unter anderem Adrian Utley von Portishead oder Stephen O'Malley von Sunn O)))). Wie bist du an sie gekommen?
Adrian arbeitete mit John Parish zusammen und war gerade in der Gegend, also hat John ihn gefragt, ob er ein paar Gitarrenspuren für mein Album einspielen möchte. Er sagte sofort zu und ich war hin und weg, weil ich ein riesiger Portishead-Fan bin. Stephen O'Malley habe ich beim Dark Mofo Festival in Tasmanien getroffen. Das ist ein Festival, das sehr viele unübliche, undergroundige Avantgarde-Künstler an die Oberfläche bringt. Es besteht aus den unterschiedlichsten Subkulturen. Er spielte dort mit seiner Band und ich blieb mit ihm in Kontakt und auch er war sofort an Bord. Geoff Downes ist Keyboarder bei Yes und Asia und mein Vater war sein Keyboard-Techniker, so ergab sich das. Es funktionierte im Endeffekt ganz eklektisch und irgendwie war jeder zur richtigen Zeit am richtigen Platz. (lacht)

Und all das wird zusammengehalten von deiner markant-intensiven, und gleichzeitig oft sehr fragilen Stimme. Musst du eine bestimmte Art von Verletzlichkeit spüren, wenn du deine Songs vorträgst?
Verletzlichkeit ist vielleicht der falsche Begriff, aber ich muss mich definitiv stark öffnen können. Ich denke gar nicht zu stark daran, warum etwas wie funktioniert, aber wenn du ein Album kreierst, bist du automatisch verletzlich. Man kann beim Musikmachen den kathartischen Aspekt nicht einfach abschalten, man kann sich nicht in sich selbst einsperren. In den ersten zwei Aufnahmewochen hatte ich gar keine Stimme, da nahmen wir nur die Instrumente auf. Ich wurde da fast verrückt, denn ich hatte meine Stimme schon seit Jahren nicht mehr verloren und plötzlich, als ich funktionieren musste, ging nichts mehr. Was hatte das Universum plötzlich gegen mich? Das machte alles keinen Sinn und wirkte wie eine unbewusste, tiefere Bedeutung. Ich lernte dadurch meine Stimme noch mehr zu schätzen, und als sie wieder funktionierte, war sie viel fragiler als zuvor. Ich konnte nur 60 Prozent geben, aber das war okay für mich. Ich versuchte Noten zu treffen, die ich nicht erreichte und das direkt vor John Parish. Das machte mich unsicher und nervös, denn ich wollte ihm alles geben, was ich kann, aber es ging nicht. Es war kein leichter Prozess, aber ein sehr lehrreicher.

Das Album beginnt mit dem Song "Heaven" und geht direkt weiter mit "The Devil Inside Me". Bist du selbst eher nördlich oder südlich unserer Welt zu verorten?
Ich bin irgendwo dazwischen, wie wir alle. Man muss das alles richtig katalysieren und jeder muss alle Aspekte seines Seins zu schätzen und richtig zu ordnen wissen. Wir sind weder immer Engel, noch immer Teufel, sondern stecken irgendwo dazwischen. Das Leben bringt so viel mit sich, dass man stets zwischen beiden Enden pendelt. "Heaven" dreht sich in diesem Fall um eine Frau, deren Mann verstorben ist und die immer seine Mailbox anruft, um seine Stimme zu hören. Das hat etwas Himmlisches und beleuchtet die unterschiedlichen Bereiche des Kummers. Der Himmel ist hier der Wunsch, noch einmal einen Tag zu erleben, eine Erfahrung machen zu können, aber es klappt leider nicht.

Wann fühlst du den Himmel oder dich wie im Himmel?
Wenn ich auf der Bühne stehe und performe. Es ist so herrlich für mich, weil ich ein ganz besonderes Gefühl der Freude verspüre und immer sehr aufgeregt bin. Es gibt dann so einzigartige Momente, wo du dich total in deine Songs wirfst und mit ihnen verschmilzt. Du lebst total im Moment, bist völlig präsent und durchwanderst im Laufe einer Show oft richtiggehende Extreme. Wenn dann noch das Publikum mit dir mitgeht und in der Musik versinkt, ist das mit nichts zu vergleichen. In diesem einen Moment sind dir die sieben Monate Büroarbeit und Administration im Vorfeld völlig egal. (lacht) Du erlebst etwas Unvergleichliches.

Du bist bekannt für deine extrovertierten, intensiven Auftritte, die mit theatralischen und multimedialen Elementen verstärkt wird. Wie wichtig ist dir das Visuelle zur Musik?
In erster Linie ist es natürlich wichtig, dass die Songs so gut sind, dass du auch ohne Effekte und große Lichtshows für Begeisterung sorgen kannst. So, wie es eben auch vor vielen Jahrzehnten funktionieren musste. Der Song steht immer im Vordergrund. Um aber eine wirklich perfekte Atmosphäre in die Show zu zaubern, ist das Visuelle unabwendbar. Wir gehen aber nicht zu weit und achten immer darauf, dass die Visuals vom Sound ablenken. Effekte sollen kein Ersatz sein, sondern eine Hinzufügung oder Verbesserung. Ich will einfach ein volles Paket der Emotionen bieten.

Wenn du als Schauspielerin arbeitest, musst du in den Körper und das Wesen eines anderen schlüpfen. Auf der Bühne als Sängerin geht es darum, so echt, nahbar und authentisch wie möglich zu sein. Fällt es dir manchmal schwer, zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Welten zu pendeln?
Agent Tamara Preston, meine Rolle in der neuen Serie von "Twin Peaks", war die erste Person seit dem Kung-Fu-Film damals. (lacht) Es fühlte sich so an, als würde ich Chrysta Bell in diese Figur stecken, aber ohne sie verschwinden zu lassen. So, als ob mein echtes Selbst als Medium in der Serienfigur existieren würde. Das war eine total neue Erfahrung für mich. David Lynch selbst war anwesend und es ging alles sehr schnell. Ich war total fokussiert und präsent und als die Kameras angingen und ich den Anweisungen folgte, passierte es einfach. Ich musste erst in diese Rolle einwachsen, weil ich weit mehr Erfahrungen auf der Bühne machte. Ich kann dir aber nicht genau sagen, wann meine echte Persönlichkeit verschwindet und die Rolle überhandnimmt. Die Rolle war so, als wäre ich einfach eine künstlichere Version meines Selbst. Du legst so viel Einsatz und Einfallsreichtum in eine Rolle und dann stehst du am nächsten Tag plötzlich wieder mit deinen Freunden auf der Bühne und zelebrierst deine Songs in einer sehr juvenilen Art und Weise. Es geht darum, die richtige Persönlichkeit im richtigen Moment in den Vordergrund zu stellen. Das Wechseln zwischen diesen beiden Welten gelingt mir überraschend leicht.

Aber der springende Punkt ist ja, dass du als Sängerin wirklich echt bist und als Schauspielerin eine Art Schein-Echtheit projizierst.
Auf der Bühne bin ich oft sogar unsicherer, weil ich manchmal nicht genau weiß, was zu tun ist oder was ich zu tun habe und dann nicht ganz sattelfest wirke. (lacht) Ich bin auf der Bühne extrem verletzlich, weil es live ist. Jeder sieht alles von dir, die Leute stehen in den vorderen Reihen oft keinen Meter entfernt von mir und sie machen sich ihren eigenen Reim aus den Songs. Das sind pure, unverfälschte Momente. Ich habe manchmal wirklich peinliche Erlebnisse mit dem Publikum, weil die Leute unterschiedlich reagieren. Manche hören dir aufmerksam zu, andere wenden sich ab, ein dritter spielt mit dem Smartphone. Aber das ist okay, denn sie alle haben Eintritt bezahlt und wollen diesen Moment mit dir teilen. Ich muss mich auf der Bühne stark öffnen, aber ich fühle mich dort viel sicherer als vor den Kameras. Viele Schauspieler werden auch deshalb Musiker, weil auf der Bühne ein Austausch stattfindet. Du bist von Menschen umgehen und kommunizierst mit ihnen, nicht so wie vor Kameras. Selbst das Theater ist anders, denn dort spielst du mit anderen Darstellern und auch nicht aktiv mit dem Publikum - das ist dir nur als Musiker gegeben.

Du bist - in deinem dritten Standbein - auch ein begehrtes Model. Hast du in diesem Job vielleicht auch gelernt, an Selbstsicherheit und Souveränität auf der Bühne dazu zu gewinnen?
Ich wurde dadurch definitiv selbstsicherer, aber ich versuche nicht zu viele Gedanken daran zu verwenden, wie ich mich auf der Bühne bewege. Ich will dort keine Marilyn Monroe ausstrahlen. Sie gab es schon und ihre Klasse wird unerreicht bleiben. Man kann sie nicht kopieren. Ich mag das Modeln genauso wie das Erschaffen von Kunst. Ich kann so mit meiner Person Kunst erschaffen und das ist etwas, in dem ich mich sehr wohlfühle. Natürlich schärft das auch dein Image und es wollen dich dadurch vielleicht auch mehr Leute live sehen. Es ist schön, wenn man mich auf meinen Fotos oder in Magazinen gerne sieht, aber noch schöner ist es, wenn es die Leute dazu verleitet, sich meine Musik anzuhören. (lacht)

Mit David Lynch hast du seit fast zwei Dekaden eine sehr fruchtbare, künstlerische Beziehung. Was macht diese Verbindung zwischen euch beiden so speziell?
Ich kann das gar nicht genau beschreiben. Es hat etwas mit Schicksal zu tun. Wir sind beide fasziniert vom Unbekannten. Von den Dingen, die man unter der Oberfläche sieht und die sehr esoterisch anmuten. Wir reden sehr viel darüber und befinden uns auf demselben Level. Die Verbindung entstand durch die Musik. Er sah mich und wusste, er müsste mich noch einmal sehen. Ich wollte unbedingt Songs mit ihm erarbeiten und das war der Bund, der uns von Anfang an zusammenhielt. Auch wenn ich nur eine kleine Sängerin aus Texas war und er David Lynch, war es einfach unheimlich wertvoll, weil wir auf künstlerischer Ebene total harmonierten. David ist ein sehr netter, angenehmer Mensch, der als Persönlichkeit aber auch in seiner Liebe für Musik sehr ehrlich und echt ist. Wir haben viele Jahre lang zusammen Musik gemacht und kamen uns dabei immer näher. Wir gingen auf unzählige Kaffees und hatten lange Gespräche über das Leben und Dinge, die uns beschäftigen. Es wurde zu einer tiefen Freundschaft, die sich auch in Projekten manifestierte, aber wir hingen auch privat immer öfter ab. Mittlerweile sind mehr als 20 Jahre vergangen und wir haben diese Freundschaft immer respektiert. Ich fühle mich sehr gesegnet, denn die Musik hat uns diese gemeinsame Zeit beschert. Du kannst dir denken, dass David niemand ist, der viel Zeit übrig hat, weil er sehr produktiv ist. (lacht) Unser größter Erfolg als Freunde ist, dass wir so gut zusammenarbeiten. David umgibt sich unglaublich gerne mit Leuten, die er mag und zu denen er Verbindung aufbauen kann und ich bin mir sicher, dass das ein Mitgrund war, dass ich die tolle Rolle in "Twin Peaks" überhaupt bekam. (lacht)

Auf "We Dissolve" hast du erstmals nicht mit ihm zusammengearbeitet. War es dir wichtig, dich frei zu strampeln? Zu zeigen, dass du künstlerisch längst auch auf eigenen Füßen stehst?
Der Schmetterling musste nun auch einmal selbst fliegen lernen. Es war eine natürliche Entwicklung und ich wusste, dass er mit "Twin Peaks" zu beschäftigt war. Es war einfach an der Zeit, das jetzt ohne ihn in die Hand zu nehmen. Nach "Somewhere In The Nowhere" (2016) wussten wir nicht genau, ob wir weiterhin zusammenarbeiten würden, also haben wir dieses Kapitel unseres Lebens geschlossen. Das war keine bewusste Entscheidung, wir wussten es einfach. Die Zusammenarbeit war unglaublich erfüllend, aber ich musste mir beweisen, dass ich es auch so kann. Es war auch nicht das erste Mal, dass ich Musik ohne David mache, denn ich habe in meinem Leben gefühlte 30 Alben gemacht, die ich nie veröffentlichte, weil ich sehr stark darauf achte, was ich veröffentliche. Jemanden drei, vier Minuten seines Lebens mit einem Song zu nehmen bringt auch eine große Verantwortung mit sich. Anfangs fragte ich mich natürlich, wer nach David Lynch ein Album von mir produzieren sollte? Ich hatte dann eine Shortlist und John Parish war drauf. Mein Manager konnte den Kontakt herstellen, er hörte sich ein paar Demos an und dann kam alles ins Laufen.

Das bedeutet aber nicht, dass du eine zukünftige Arbeit mit Lynch ausschließt?
Auf keinen Fall, diese Tür bleibt offen. Ich habe auch schon die Songs für meine nächste EP geschrieben, die ich 2018 veröffentlichen möchte. Ich überlege noch, wie ich die Musik dazu kreiere. Meine letzte, sich nicht auf "We Dissolve" befindende Single "Undertow" habe ich mit Alex Silva geschrieben, aber er ist jetzt ein Jahr beschäftigt und steht mir leider nicht zur Verfügung. Es ist also noch offen, mit wem ich die Songs produziere und finalisiere. Vielleicht mache ich das auch alleine, daheim in San Antonio oder Texas mit meiner Liveband. Ich bin noch unschlüssig, wie das Ganze schlussendlich enden wird und mache mir derzeit vielleicht auch zu viele Gedanken darüber. Es wird sich schon alles fügen.

Wann bist du mit einem Song schlussendlich zufrieden? Was macht einen Song zu einem guten Song?
Wenn du wirklich ganz tief in meiner musikalischen Vergangenheit graben willst, dann gibt es die Option einer speziellen Mitgliedschaft auf meiner Homepage, wo man auch diese unveröffentlichten Nummern hören kann. Der Moment muss für mich passen und ein Song muss gerade die Themen in der Welt anschneiden, die meiner Meinung nach gerade dazu passen - dann kann ich ein Stück auch veröffentlichen. Ich bin selbst ein bisschen ein Weirdo und finde oft Dinge toll, die eigentlich gar nicht so gut sind. (lacht) Ich liebe es, von anderen Feedback zu kriegen und weiß, dass mein Geschmack jetzt nicht der der breiten Masse ist. Wenn ich etwas liebe und dahinterstehen kann, dann kann ich den Song auch in die Öffentlichkeit tragen. Ein gutes Beispiel war etwa der Cover-Song "Falling" von Julee Cruise. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Leute mir davon abgeraten haben, weil er eben so seltsam klang, aber ich wollte ihn rausbringen und habe das dann einfach gemacht. Ich traf bei einer Party John Fryer und gemeinsam mit ihm habe ich diesen Song samt dem Video so hingekriegt, dass er eigenständig und für mich ideal zur Veröffentlichung war. Dass der Song dann so nach "Twin Peaks" klang, war gar nicht geplant.

Ist Kalifornien, deine Wahlheimat, nicht eine viel zu oberflächliche Gegend für Leute wie dich oder David Lynch, die so gar nichts mit dieser glänzenden Art von Realität gemein haben?
Das kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive du das siehst. David ist in seiner Art von esoterischen Herangehensweise die am meisten nach Innen gewandte Person, die ich kenne. Aber auch er wohnt in Hollywood und liebt diese Gegend. Es scheint dauernd die Sonne und es leben so viele großartige, kreative Menschen dort. Sie hat, wie jede Stadt, ihre Vor- und Nachteile, aber es herrscht eine bestimmte kreative Energie. Natürlich sind alle sehr obsessiv was das ewige Jungsein angeht und es geschehen viele seltsame Dinge, aber du kannst so viel für dich dort herausziehen. Es kommt immer auf dich selbst an. Wenn du zum Beispiel genug meditierst und mit dir selbst im Reinen bist, ist es völlig egal, wenn die Leute neben dir eigenartig sind. Es gibt überall jede Geschmackssorte von verrückten Individuen, aber auch einfach unendlich viel Toleranz für all diese verschiedenen Kulturen und so viel Respekt für das Ausüben von Kunst. Die Leute arbeiten sehr hart. Die Seichtigkeit dieser Stadt hat mich nie geärgert, sondern vielmehr fasziniert. L.A. hat aber auch viel Natur und grüne Flächen. Die Metropole ist sehr kosmopolitisch und nicht so persönlichkeitszerstörerisch wie andere Großstädte.

Wirst du nach deinem "Twin Peaks"-Auftritt deine Schauspielkarriere eigentlich ähnlich intensiv weiterbetreiben wie deine Karriere als Sängerin?
Das kommt darauf an, ob die richtige Rolle mit dem richtigen Regisseur des Weges kommt. Wenn es eine Rolle für Chrysta Bell gibt, dann bin ich dabei, aber ich will keine Castings machen und werde keinen Agenten dafür engagieren, um mich aktiv darauf zu stürzen. Die Frage ist natürlich auch, was soll ich nach "Twin Peaks" noch machen? (lacht) Das ist ja quasi der Höhepunkt, der mir da zuteilwurde. Das war für mich eine Rolle, die einfach perfekt war und ich habe mit David sehr oft darüber geredet. Ich will mich nicht mit Rollen beschmutzen, die ich nur deshalb mache, weil ich mir einbilde, sie würden meine Karriere vorantreiben. Bleibt Agent Tamara Preston die einzige Person, die ich verkörpere, dann wäre das auch mehr als okay. Das ist doch ein schönes, wundervolles Manifest. Der Rest ist Schicksal, aber mein Leben ist die Musik und das Performen auf der Bühne.

Gibt es einen bestimmten Film oder eine bestimmte Rolle, wo du dich sehr gut darin vorstellen kannst?
Ich würde gerne in einem Film singen, das wäre großartig. Comedy wäre auch interessant, weil sie extrem herausfordernd ist. Ich müsste mich selbst wieder neu finden und kennenlernen und es sollte natürlich eher dunkle Comedy sein, die auch verträumt sein darf. Ich bin sehr offen für experimentelle Dinge, die außerhalb der Norm liegen, vielleicht sogar kosmische Ansätze in sich tragen. Darren Aronofsky wäre so ein künstlerisches Kaliber. Ich habe seinen aktuellen Film "Mother" leider noch immer nicht gesehen, aber ich habe gehört, dass er ungemein intensiv sein soll. Ich glaube nur nicht, dass ich in etwas wirklich Gewalttätiges passen würde, das entspricht nicht meinem Naturell und meiner Auffassung von Kunst. Ich bin eher im künstlerischen, verschrobenen und sensitiven Bereich verankert.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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