Wahlkampf-Finale

06.10.2017 06:05

"Krone"-Vergleich: Das verrät die Körpersprache

Kanzler Christian Kern macht einen Kapitalfehler, Heinz-Christian Strache ist im Dilemma und Sebastian Kurz wirkt enorm reduziert: Der Körpersprache-Experte Stefan Verra analysiert für die "Krone" die nonverbale Kommunikation der Spitzenkandidaten für die Nationalratswahl.

  • Stefan Verra zählt zu den gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschsprachigen Raum.

Christian Kern, SPÖ:
Stets aufrechte Haltung, schneller Schritt - Kern beherrscht die Körpersprache der Alphatiere. Er hat gelernt, seinen Radius einzugrenzen. In Vorstandssitzungen ist das richtig, im Wahlkampf aber eher nicht. Ein Publikum zu begeistern, heißt, sich zu bewegen. Kapitalfehler: Kern verkörpert seinen Slogan "Hol dir, was dir zusteht!" in Videos und auf Plakaten mit engen Augen. Die Unterlider zieht er dabei hoch. Der Mund vermittelt Ernst. Kern will offensichtlich angefressen und durchsetzungsfähig wirken. Genau das ist aber die Körpersprache des Herausforderers. Als Kanzler müsste er die abholen, die Stabilität wollen.

Sebastian Kurz, ÖVP:
Ebenso wie Kern smart, ebenso ein Körpersprache-Talent. Beide lassen sich im Ausland "herzeigen". Auch seine Gestik hat sich reduziert. Er hat so gleichsam alles Jugendliche schon lange abgestreift. Dieses Explodierende, manchmal auch zu Große, das typisch für junge Menschen ist, fehlt ihm. Da hat Kurz sich ganz der Diplomatie verschrieben. Seine Gesten sind stets kontrolliert. Seine Finger sind nahezu nie vollends angespannt. Das wirkt erhaben, denn es zeigt: "Ich bin innerlich noch einigermaßen entspannt." Ein guter Kniff von ihm: Er zieht immer wieder seine Augenbrauen in der Mitte zusammen. Das wirkt besorgt. Besonders bei heiklen Themen, wie zum Beispiel der Migration, kann er damit knallharte Aussagen treffen und trotzdem human wirken.

Heinz-Christian Strache, FPÖ:
Strache tritt ruhiger auf als früher. Muss er auch, er ist im Establishment angekommen. Was er beibehalten hat, ist das Pendeln des Kopfes: Auch wenn er versucht, zuzuhören, merkt man, dass es in ihm brodelt - er ungeduldig ist. Nach wie vor ist das Tempo bei ihm höher als bei Kern und Kurz. Schon während sein Gegenüber spricht, holt er Luft, beginnen seine Arme mit dem Gestikulieren. Seine Gestik geht nach wie vor weiter von sich weg - Strache nimmt damit mehr Raum in Anspruch. Er ist im Dilemma: Seine Körpersprache zeigt viel von Aufruhr und Opposition. Als Kanzler aber müsste er die Gediegenheit eines Kern oder Kurz zeigen. Das versucht er auch. Aber er wirkt dabei zu instabil.

Ulrike Lunacek, Grüne:
Ihre Körperhaltung ist sehr aufrecht. Das vermittelt: "Ich will gesehen werden." Es vermittelt Alphaqualitäten. Sie lächelt öfter als alle anderen Kandidaten. Wie Kurz zieht auch sie immer wieder die Brauen in der Mitte zusammen und vermittelt so Besorgnis. Aber: Sie macht es zu oft. Lunaceks Stirnfalten über den Augen wirken angestrengt. Ist sie anderer Meinung, sieht man das lange bevor sie spricht: Sie dreht den Kopf zur Seite und vermittelt, sich abwenden zu wollen. Gleichzeitig schaut sie aber aus den Augenwinkeln den Gesprächspartner an. Die Körpersprache der Frustrierten beherrscht Strache besser.

Matthias Strolz, NEOS:
Er ist extrem bewegt in seiner Körpersprache. Seine Hände sind oft und stark in Bewegung - damit unterstützt er seine Worte, die dadurch erwiesenermaßen besser im Gedächtnis des Adressaten haften bleiben. Wie Strache ist er in seinen Bewegungen viel schneller als Kern und Kurz - damit holt er die Frustrierten ab. Auch sein Kopf bewegt sich, aber weniger stark als jener von Strache. Damit wirkt Strolz stabiler. Er beugt sich beim Reden gerne nach vor: Er will offenbar ständig weiter, sich ständig dagegenstemmen. Er pendelt in seiner Körpersprache zwischen Snob und Herausforderer. Ab und zu ist mehr Ruhe gut.

Peter Pilz, Liste Pilz:
Seine Inhalte sind ja sehr oppositionell, er zeigt aber die Körpersprache der überlegt Agierenden. Sie erweckt den Anschein der Vernunft. Ich wähle bewusst das Wort Anschein, denn in Wahrheit ist es Emotion, die Peter Pilz vermittelt. Seine Stirn legt er oft in Falten, um damit Nachdenklichkeit und Sorge zu zeigen. Sein Kopf ist sehr ruhig, sein Blick sehr stabil zu seinem Gegenüber - damit vermittelt er: Er antwortet direkt auf die gestellte Frage, es wirkt tatsächlich wie ein Gespräch.

Kronen Zeitung

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