Anne Franks Tagebuch

15.05.2018 22:47

Bisher unlesbare Seiten voller schmutziger Witze

Mehr als 70 Jahre lang waren zwei Seiten des weltberühmten Tagebuches von Anne Frank dicht verklebt. Die Texte darauf waren verborgen hinter dickem braunem Packpapier. Doch nun sind die bisher unlesbaren Zeilen des jüdischen Mädchens mit digitaler Fototechnik lesbar gemacht und veröffentlicht worden - es handelt sich großteils um schmutzige Witze.

Die damals 13-jährige Anne hatte auf den zwei Seiten am 28. September 1942 anzügliche Witze und eine Passage über Sexualität notiert. Auf Seite 78 ihres ersten rotkarierten Tagebuchs habe sie „geschmiert“, schrieb Anne. Daher nutze sie den Platz für „derbe Witze“. Ein Beispiel: „Wissen Sie, wozu die deutschen Wehrmachtsmädchen in den Niederlanden sind? Als Matratzen für die Soldaten.“

  • Ronald Leopold, Direktor der Anne Frank Foundation, während einer Pressekonferenz vor einem Bild Anne Franks
    Ronald Leopold, Direktor der Anne Frank Foundation, während einer Pressekonferenz vor einem Bild Anne Franks

Solche Zoten waren „Kriegsklassiker“, sagt der Wissenschaftler des Huygens-Institut für niederländische Geschichte, Peter de Bruin. Anne hatte sie womöglich im Radio gehört oder auch von ihrem Vater Otto. Aber sie schrieb auch über Sexualität und Prostitution. Das liest sich wie eine fast wörtliche Wiedergabe ihrer eigenen Sexualaufklärung.

  • Der Text, der nach der Bearbeitung zum Vorschein kam
    Der Text, der nach der Bearbeitung zum Vorschein kam

„Die Texte sagen uns nicht wirklich etwas Neues über Anne Frank“, sagt der Direktor der Amsterdamer Anne Frank Stiftung, Ronald Leopold, bei einer Pressekonferenz am Dienstag. „Sie ist ein 13-jähriges Mädchen in der Pubertät.“ Über Sexualität hat sie auch an anderer Stelle geschrieben. Aber ihr Stil verrät doch viel über die beginnende Schriftstellerin. Denn das wollte Anne werden, schrieb sie später in ihrem Tagebuch.

Sie wollte einen Roman schreiben, mit dem Titel „Das Hinterhaus“. Das Tagebuch sollte die Basis sein. Daher redigierte sie später alle Texte und schrieb große Passagen neu. Die Seiten 78 und 79 klebte sie vermutlich selbst zu, weil sie sich schämte. „Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass jemand das lesen könnten“, vermutet Direktor Leopold.

  • Teresien da Silva und Ronald Leopold von der Anne Frank Foundation zeigen ein Faksimile von Anne Franks Tagebuch.
    Teresien da Silva und Ronald Leopold von der Anne Frank Foundation zeigen ein Faksimile von Anne Franks Tagebuch.

Diese Textpassagen verdeutlichen, dass Anne auch ein ganz normales Mädchen war. Zugleich beleuchten sie den schrillen Kontrast zu der großen Bedrohung im Hinterhaus an der Prinsengracht und machen den unmenschlichen Terror bis heute fühlbar. Im Hinterhaus lebte die in Frankfurt am Main geborene Anne mit ihrer Familie im Versteck vor den deutschen Nationalsozialisten.

Im August 1944 wurde die Familie verraten und deportiert. Anne starb im Alter von 15 Jahren 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nur Vater Otto Frank überlebte. Helfer hatten Annes Tagebücher gerettet und sie Otto nach dem Krieg übergeben. 1947 veröffentlichte er Annes Texte erstmals.

  • Mit digitaler Fototechnik wurden zwei von Anne Frank selbst mit braunem Packpapier verklebte Seiten des Tagebuches lesbar gemacht.
    Mit digitaler Fototechnik wurden zwei von Anne Frank selbst mit braunem Packpapier verklebte Seiten des Tagebuches lesbar gemacht.

Die Anne Frank Stiftung habe lange gezweifelt, ob sie die überklebten Passagen überhaupt veröffentlichen sollte. „Anne Frank ist weltweit zu einer Ikone geworden“, sagte Direktor Leopold. „Ihr Tagebuch gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Wir fanden, dass alle Texte dokumentiert werden mussten.“

In der neuen für 2019 geplanten wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebücher sollen die Texte mit aufgenommen worden. Doch im alten rotkarierten Büchlein bleiben die Seiten 78 und 79 verklebt mit dem dicken braunen Packpapier - genauso wie Anne es selbst wollte.

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