Nach Giftanschlag

13.03.2018 18:15

Russischer Exilant tot in London aufgefunden

Was derzeit in Großbritannien und Russland passiert, erinnert an einen Agenten-Thriller im Kino. Nach dem Giftanschlag auf einen ehemaligen russischen Doppelagenten in Großbritannien herrscht zwischen London und Moskau eine Stimmung wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Für zusätzliche Unruhe hat am Dienstag der Tod eines weiteren Russen in der englischen Hauptstadt gesorgt: Nikolai Gluschkow, ein früherer enger Mitarbeiter des 2013 verstorbenen Exil-Oligarchen Boris Beresowski, verstarb unter nicht näher geklärten Umständen. Seine Tochter Natalia habe ihn in seinem Haus im Londoner Stadtteil New Malden gefunden.

Bei dem Toten handle es sich um einen früheren Geschäftspartner des Kreml-Kritikers Beresowski, der seinerseits 2013 nahe London tot aufgefunden worden war, berichteten britische Medien am Dienstag. Die Anti-Terror-Polizei leitete nach eigenen Angaben eine Untersuchung zu dem neuerlichen Todesfall ein, was die „Daily Mail“ wiederum als ungewöhnliche Maßnahme bezeichnete. Ein Sprecher der Anti-Terror-Polizei betonte, es gebe „keine Hinweise auf eine Verbindung zu dem Vorfall in Salisbury (dem Giftanschlag an den russischen Ex-Doppelagenten; Anm.)“.

Zeitung: Leiche weist Strangulierungsmarken auf
Die russische Zeitung „Kommersant“ berichtete indessen, an der Leiche des 68-jährigen Gluschkow seien Strangulierungsmarken entdeckt worden. Dies hätten Familienangehörige von Gluschkow mitgeteilt. Es sei „noch nicht klar, ob es sich um einen Mord oder Selbstmord handelt“.

Nikolai Gluschkow war im Vorjahr in Russland in Abwesenheit verurteilt worden. Er hatte laut Urteil in seiner Zeit bei der russischen Fluglinie Aeroflot fast 100 Millionen Euro veruntreut. Wegen Vorwürfen des Betrugs und der Geldwäsche landete Gluschkow 2004 im Gefängnis. Später gab er an, er sei mit dem Tod bedroht worden. Man habe ihm erklärt, er werde auf dem Weg ins Gericht umgebracht. „Sie haben mir gesagt, wie es passieren wird. Ich würde von einem Lkw zu Tode gefahren werden“, so der russische Geschäftsmann.

Mit dem Ex-Oligarchen Beresowski traf Gluschkow dann fünf Jahre später in London wieder zusammen, nachdem er aus der Haft entlassen wurde. 2010 wurde dem Exilanten in Großbritannien politisches Asyl gewährt. Kreml-Kritiker Beresowski ist vor fünf Jahren stranguliert in seinem Haus nahe London aufgefunden worden. Ein Fremdverschulden an seinem Tod hatte die Polizei damals nicht nachweisen können. Sein Tod ist einer von 14 Todesfällen in Großbritannien, die nach dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal neu untersucht werden sollen, wie Innenministerin Amber Rudd am Dienstag in London ankündigte. Die Todesfälle, darunter neben Beresowski auch weitere prominente Kritiker Putins, reichen teils mehr als zehn Jahre zurück.

Aufgeheizte Stimmung kurz vor Präsidentenwahl in Russland
Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist zerrüttet, der Anschlag auf Skripal dafür nur ein weiteres Beispiel. Kurz vor der Präsidentschaftswahl in Russland laufen die diplomatischen Drähte heiß: Zwar gibt es bisher keine Beweise für eine Verwicklung des Kreml, doch stehen die Sanktionsdrohungen Londons bereits im Raum. Der weitere mysteriöse Todesfall des russischen Exilanten dürfte die Situation weiter anheizen.

  • Sergej Skripal in russischer Haft (Archivbild 2006)
    Sergej Skripal in russischer Haft (Archivbild 2006)

Zu keinem anderen EU-Land sind Russlands Beziehungen so schlecht wie zu Großbritannien. Spionagefälle hier wie dort und die Ermordung des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko 2006 mit radioaktivem Polonium in London verhindern eine Annäherung. Es folgte die gegenseitige Ausweisung von Diplomaten in den Monaten nach Litwinenkos Tod. Seitdem sind die diplomatischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt.

Gerade Großbritannien ist innerhalb der Europäischen Union einer der schärfsten Kritiker des russischen Vorgehens gegen die Ukraine. Die Hauptstadt London ist weiterhin als finanzieller Fluchtort bei russischen Oligarchen beliebt, denen zahlreiche Immobilien in der britischen Hauptstadt gehören. In Moskauer Kreisen wird die Metropole daher auch liebevoll Londongrad genannt.

  • Theresa May
    Theresa May

Großbritannien steht derzeit ganz besonders unter Druck. Die Lage im Land ist wegen des bevorstehenden Brexits angespannt, das Verhältnis zur EU wegen der zähen Verhandlungen schwierig. May regiert seit einer von ihr ausgerufenen und fehlgeschlagenen Neuwahl nur noch mit hauchdünner Mehrheit. Ihr Kabinett ist in vielen Fragen zerstritten, ihr Posten wackelt immer wieder. May muss Stärke zeigen - dabei könnte das entschlossene Vorgehen gegen Russland helfen.

 krone.at
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