Baby im Spital getötet

14.01.2018 06:30

Mutter (37) „glaubt, dass ihr Bub am Leben ist“

Eine Vierjährige, die sagt, ihr Opa habe mit ihr Sexspiele gemacht. Ihr kleiner Bruder – getötet von der eigenen Mutter. Der Großvater, ein Ex-Botschafter, in Haft. Zurück bleibt sein Sohn. Dessen Leben für immer zerstört scheint. Das Protokoll einer Familientragödie.

Den Kopf zu Boden gerichtet, den Rücken zusammengekrümmt, die Arme fest an den Körper gedrückt. Die 37-Jährige wirkt, als wäre sie in einer anderen, fremden Welt versunken. Über die sie nicht redet, mit niemandem. Bloß einen Satz, sagt sie immer wieder: „Ich weiß, mein Bub ist bei mir.“ Mit weit geöffneten Augen sitzt sie dann auf ihrem Bett, und es scheint fast, als würde sie ihr totes Kind wirklich sehen. In diesem Zimmer mit dicken Gittern vor den Fenstern; in der forensischen Abteilung der Linzer Kepler-Klinik.

Heidi Kastner, Österreichs bekannteste Gerichtspsychiaterin, leitet die Sonderanstalt – in der, unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen, seelisch gestörte Straftäter untergebracht sind.

„Ihr fehlt die Erinnerung an das Drama“
In der vergangenen Woche wurde die 37-Jährige dort von Ermittlern besucht. Die Beamten wollten von ihr wissen, warum sie in den Morgenstunden des 3. Jänner im Wiener SMZ-Ost ihren acht Monate alten Sohn mit einem Polster erstickt hat. Antworten bekamen die Fahnder keine. „Meiner Mandantin“, so Elisabeth Rech, die Anwältin der Frau, „fehlt jede Erinnerung an die Tragödie. Sie glaubt also, dass ihr Bub am Leben ist.“ Der Zustand der Frau sei grauenhaft: „Sie ist offenkundig psychisch schwer krank. Und kann daher auch nicht realisieren, wo sie sich befindet.“

Was hat die Verdächtige sonst in den Vernehmungen gesagt? „Sie sprach über ihre Vergangenheit.“ Dass sie von den Philippinen stamme. Dass ihre Mutter früh nach Österreich ausgewandert sei und sie bei Verwandten zurückgelassen habe, von denen sie für sexuelle Dienste an Freier verkauft worden sei. Dass sie im Alter von sechs Jahren „endlich von der Mama nach Wien geholt wurde“ und diese die Erzählungen der Tochter über die schlimmen Erlebnisse in der Heimat stets als „wirre Fantasiegespinste“ abgetan habe.

  • Adelheid Kastner

Haben sich Fiktion und Realität – möglicherweise schon seit Langem – vermischt, in ihren Gedanken? Wie dramatisch ist ihr Geisteszustand? In den kommenden Monaten soll sie umfangreich von Sachverständigen untersucht werden, die dann die Schuldfähigkeit der 37-Jährigen beurteilen werden. War sie sich der Tragweite ihres Handelns bewusst, als sie ihren Buben umbrachte?

Sie galten als Vorzeigefamilie
Eine von vielen offenen Fragen in einer Familientragödie, in der es um Kindesmissbrauch und Mord geht und die am 25. Dezember ihren Anfang nahm. Die 37-Jährige, ihr Gatte und die zwei gemeinsamen Kinder waren da bei den Eltern des Mannes zu einem Weihnachtsessen eingeladen gewesen.

2010 hatte das Paar einander kennengelernt, im Job. Der Mann: Pilot. Die Frau: Stewardess. 2013 die Hochzeit, kurz darauf kam das erste Kind zur Welt. Nach der Karenz arbeitete sie weniger und nur noch „am Boden“, um mehr Zeit für ihre Tochter zu haben. Vor acht Monaten die Geburt des Buben. In ihrem Umfeld galt die Familie als glücklich – aufopfernd kümmerten sie sich um ihre Kinder, sie lasen ihnen jeden Wunsch von den Augen ab. Vielleicht, weil sie vieles besser machen wollten als einst ihre eigenen Eltern

Die Psyche des Großvaters
Zu seinem Vater hatte der Mann von klein an ein distanziertes Verhältnis. „In letzter Zeit“, gab der Sohn nun der Polizei zu Protokoll, „forcierte ich aber den Kontakt zu meinen Eltern – denn sie sollten ihren Enkeln beim Aufwachsen zusehen dürfen.“ 
Eine Entscheidung, die er zunächst nicht bereute: „Denn vor allem mit Emilia verstand sich mein Papa prima, er spielte oft mit ihr. Ich dachte, er wolle an ihr gutmachen, was er bei mir und meinen zwei Geschwistern versäumt hat.“

Und so dachte der 36-Jährige an nichts Böses, als der Opa am Christtag, nach dem Essen, mit dem Mädchen in das Schlafzimmer ging. In einem Eck des Raums: eine Puppenküche, die der Kleinen gehörte. Eine halbe Stunde später kamen das Mädchen und sein Großvater wieder zu den anderen zurück. „Wir haben Palatschinken gekocht“, erzählten sie, mit einem Mini-Nudelwalker Plastilin ausgewalkt und den „Teig“ mit „Marmelade und Nougat“ gefüllt. „Nichts am Verhalten meiner Tochter wirkte alarmierend.“ Auch nicht später, daheim, oder am Stefanitag, „den wir mit der Mutter meiner Frau und deren Partner verbrachten.“

Emilias Erzählungen über „Opas Mumu-Stab“
Am 27. Dezember war der Pilot zu einem Flug eingeteilt. „Meine Frau und die Kinder hatten einen grippalen Infekt, es tat mir leid, sie in diesem Zustand zurücklassen zu müssen.“ Regelmäßig habe er während seiner Dienstreise „mit meiner Frau telefoniert, am 28. erzählte sie mir, was Emilia ihr am Abend davor berichtet hatte“. Die Vierjährige sei „auf der Couch gesessen, und plötzlich zeigte sie auf ihre Scheide und sagte, dass der ,Mumu-Stab‘ da reingehöre“. „Mumu“ – der Begriff, den die Kleine verwende, wenn sie über ihr Geschlechtsteil spreche. „Sie redete davon, dass der Opa oft mit ihr das ,Mumu-Spiel‘ mache.“ 
Auch in seiner Gegenwart habe das Mädchen nach seiner Rückkehr von Übergriffen des Großvaters erzählt.

  • Tatortfoto: Hier soll es zum Kindesmissbrauch gekommen sein.

„Um von unserer Tochter  noch mehr Details zu erfahren, gaben meine Frau und ich vor, von ihrer Lieblingsfee – Amaryllis – einen Brief mit Fragen bekommen zu haben.“ Die folgenden Szenen wurden mitgefilmt – auf dem Video ist ein verängstigtes Kind zu sehen, dem, wie der Vater einräumt, „von der Mutter Worte in den Mund gelegt wurden.“ 

Nach Silvester begann die Situation zwischen dem Paar zu kippen: „Meine Frau behauptete mit einem Mal, mein Vater würde für einen philippinischischen Kinderpornohändler-Ring tätig sein, und letztlich verdächtigte sie auch ihre Mutter, unsere Putzfrau und mich, dieser Mafia-Vereinigung anzugehören.“ Am 2. Jänner wählte die 37-Jährige – während ihr Mann in der Küche Mittagessen zubereitete – den Polizeinotruf: „Kommen Sie schnell, meine Tochter wird missbraucht.“ Die Beamten alarmierten die Rettung. Die Frau und ihre beiden Kinder wurden ins SMZ-Ost gebracht und stationär aufgenommen, die 37-Jährige verbat den Ärzten, ihren Mann zu sich zu lassen und ihm Auskünfte über sie oder die Kinder zu erteilen.

Immer mehr glaubte sie an eine Verschwörung
Das Mädchen wurde untersucht, es konnten keine Verletzungen im Genitalbereich festgestellt werden. Und die Mutter steigerte sich immer mehr hinein in den Wahn, die ganze Welt wolle das Verbrechen an der Tochter vertuschen. In den Morgenstunden des 3. Jänner erstickte sie mit einem Polster ihren Buben. Geplatzte Adern in den Augen des Mädchens – die durch Luftmangel entstehen – lassen vermuten, dass auch die Tochter auf dieselbe Weise sterben sollte. Nach ihrer Wahnsinnstat zerbrach die 37-Jährige eine Flasche, lief aus dem ebenerdigen Krankenzimmer ins Freie und versuchte, sich mit einer Glasscherbe die Pulsadern aufzuschneiden.

  • Donauspital SMZ Ost

Wenn sie jetzt, in der Klinik, auf ihre Wunden schaut, versteht sie nicht, woher sie stammen. „Weil sie das Geschehene total verdrängt“, so Anwältin Rech. Der Schwiegervater der Frau sitzt mittlerweile unter Verdacht des schweren Missbrauchs in U-Haft. Laut seinem Verteidiger Rudolf Mayer gehe der 69-Jährige davon aus, „dass die Gerechtigkeit siegen und seine Unschuld bald bewiesen wird“. Im Gefängnis zu sein, bereite ihm keine Probleme, „aber er ist schwer getroffen vom Tod des Enkels.“

Der Vater des Mädchens glaubt seiner Tochter die grauenhaften Geschichten – und er hält fest zu seiner Frau: „Das Verbrechen an unserer Tochter hat bei ihr eine Retraumatisierung hervorgerufen. In ihr tauchten plötzlich Bilder auf von den schrecklichen Dingen, die einst an ihr selbst begangen wurden.“ Dass sie seinen geliebten Sohn umgebracht hat, sei für ihn kaum verkraftbar, „aber ich weiß, dass sie nicht sie selbst war, als sie dem Baby das Leben nahm.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung/krone.at

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